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Elias Canetti gerettete Zunge Geschichte einer Jugend
Elias Canetti. Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend
Frankfurt am Main: Fischer, 1990. Broschiert. 318 Seiten – Elias Canetti LinksElias Canetti Zitate Elias Canetti
In Die gerettete Zunge (Erstausgabe 1977) beschreibt der spätere Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens. Es folgten die autobiografischen Bände Die Fackel im Ohr und Das Augenspiel. Nun waren diese fünfzehn Jahre sicher bewegt aber normalerweise nichts, was einen vom Hocker reißt. Trotzdem fesselt die Geschichte einer Kindheit (!) den Leser. Ich wollte immer weiter lesen. Warum?
elias canetti Elias Canetti hat eine bunte Abstammung (jüdische Spaniolen in Bulgarien an der Grenze zu Rumänien) und eine weitverzweigte Verwandtschaft (England, Österreich). Zudem sind seine Eltern sehr beweglich, was aus den fünf Teilen des Buches hervorgeht: Rustschuk, Manchester, Wien, Zürich - Scheuchzerstrasse, Zürich - Tiefenbrunnen.
Mich interessieren Persönlichkeiten aus dem scheinbaren Niemandsland zwischen Galizien und der Walachei, schon weil sie meist einen ungewöhnlichen Lebensweg aufweisen.
elias canetti Die Kindheit Canettis wird von der Literatur beherrscht. Er ist hochbegabt, lernt viele Sprachen, vor allem dank des wunderbaren Einflusses zuerst seines Vaters, dann seiner Mutter liest er Dramen und Romane, manche bis zu vierzig Mal. Das war aus mancherlei Gründen für mich als Leser aufschlußreich. Was las man in den ersten zwanzig Jahren des 20. Jahrhunderts in einem Bildungsbürgerhaushalt? Was las der Autor von Die Blendung (das ich unbedingt ein 2. Mal lesen muß; zuvieles darin erschloß sich beim ersten Lesen mir nicht)?
elias canetti Canettis Stil ist dicht gedrängt. Er hält sich nicht mit Beschreibungen einer Apfelblüte oder einer Häuserreihe in Manchester auf. Das alles wird, wenn überhaupt, sehr knapp abgehandelt. Sein Augenmerk gilt den zwischenmenschlichen Verbindungen und vor allem seiner eigenen charakterlichen und wissensmäßigen Bildung. Trotz dieser Konzentration erfährt man, wie die ungemein einflußreichen weltpolitischen Jahre 1905 bis 1921 das Leben der Familie Canetti beeinflussen.
elias canetti Mich erstaunte, wieviele kleinste Begebenheiten sich Elias merkte. Obwohl er (ähnlich wie ich) viele verschiedene Schulklassen besuchte, kennt er (hier mir unähnlich) ungemein viele seiner Schulgefährten bis in ihre Charakterzüge.
Im Mittelteil der Autobiografie erzählt Elias nur noch von sich und seiner Mutter. "Denn das unvergleichlich Wichtigste, das Aufregende und Besondere dieser zeit waren die Leseabende mit der Mutter und die Gespräche, die sich an jede Lektüre knüpften" (S. 105). Seine beiden jüngeren Geschwister kommen auf den 300 Seiten kaum vor. Bestätigt wurde meine Erfahrung: massive antisemitische Beleidigungen gab es bereits 1919 (S. 238ff).
Beeindruckt war ich vom Entstehen der pazifistischen Haltung Canettis schon in der Kindheit. Ich meine auch, daß ich hier schon Abscheu vor der Tötung von Tieren zum Lustgewinn beim Essen, feststellte.
Canetti trifft – oft hautnah – Persönlichkeiten wie Lenin in Zürich, den ungarisch-österreichischen Komponisten Karl Goldmark (1830–1915), den schweizerischer Schriftsteller Carl Spitteler (1845–1924).
Das Lied "Das Grab auf der Heide" (S. 52) ist Opus 30 von Wilhelm Heiser (15.4.1816 Berlin – 17.9.1897 Friedenau bei Berlin). Die Aufnahme der Sängerin Frieda Mackle vom 25. April 1911 ist heute noch verfügbar.
Wen mein Lob des Buches noch nicht überzeugte, dem rate ich: selbst lesen; es lohnt sich.
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Elias Canetti Elias CanettiElias Canetti. Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend. Frankfurt am Main: Fischer, 2003. Broschiert. Elias Canetti
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Elias Canetti. Die autobiographischen Schriften. Die gerettete Zunge / Die Fackel im Ohr / Das Augenspiel. Frankfurt am Main: Fischer, 1997
Martin Bollacher Bettina Gruber Elias Canetti Martin Bollacher: "Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen. Elias Canettis Erzählung Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend". In: Martin Bollacher, Bettina Gruber, Hg. Das erinnerte Ich. Kindheit und Jugend in der deutschsprachigen Autobiographie der Gegenwart. Bonifatius 2000. 165 Seiten. S.15-36.  
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Elias Canetti Carola Hilmes: Konstruieren und dokumentieren: Über Schwierigkeiten beim Erzählen der eigenen Lebensgeschichte über Martin Bollacher, Bettina Gruber (Hg.): Das erinnerte Ich. Kindheit und Jugend in der deutschsprachigen Autobiographie der Gegenwart (Elias Canetti Buchausgabe) auf IASL München.

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