Die ersten dreißig Jahre des
Lebens von Doris May Tayler, spätere Wisdom und Lessing sie werden
im Teil 1 ihrer Autobiografie Under My Skin erörtert waren
turbulent. Sie wird 1919 in Persien geboren und zieht bald mit ihren Eltern und
Bruder Harry auf eine Farm in Süd-Rhodesien (heute in etwa
Simbabwe). Lessing schlägt anfangs weite Bögen in vergangene
Stammbäume, was Schlimmes befürchten läßt. Doch es wird
lesefreundlicher, keine Panik!
Doris ist ein widerspenstiges,
selbstbewußtes, neugieriges Mädchen. Einmal zündet sie eine
Hütte neben dem eigenen Farmhaus an, nur um die Folgen (die sie sich
vorher zu harmlos vorstellt) zu erleben. Johnny Cash sang es so "I shot a man
in Reno, just to watch him die" Folsom Prison Blues 1955. Den
Auotbiografietitel führt die Autorin darauf zurück, daß sie
nicht eine, sondern mehrere Häute zuwenig hat (S. 26; S. 30). Das nahm ich
ihr nicht ab. Ich meine, sie hatte einen recht robusten und eigenwilligen
Charakter, den sehr wohl durchzusetzen wußte.
Ein
durchgängiges Motiv ist die Spannung zwischen Mutter und Tochter Doris;
sie geht bis zu Widerwillen und Feindschaft. Doris schiebt dabei einiges (an
Ursachen) ihrer Mutter zu; doch spielt auch ihr eigener
Unabhängigkeitsdrang eine wichtige Rolle. Doris' Mutter meint, das
schwierige Mädchen machte aus ihrem Leben ein Jammertal. Das merkt das
Kind: "I was a cold flame of hatred for her, I could have killed her there and
then" (S. 30). Und es hält an. Mit 14 Jahren "I was fighting for my life
against my mother" (S. 155).
Der Vater ist vom Ersten Weltkrieg schwer
gezeichnet: ein Bein ist amputiert; die Prothesen noch recht einfach. Zum
Kriegstrauma kommt eine schwere Diabetes. Er wird zwar über siebzig Jahre,
doch siecht die letzten Jahre nur noch dahin. Diese Misere läßt den
Ersten Weltkrieg als Quellen vielen Übels im 20. Jahrhundert
erscheinen.
Doris Lessing entpuppt sich im Laufe ihres Lebens als
politischer Mensch. Der Leser ihrer Autobiografie merkt dies schon bald, da
Lessing auch im Kindesalter Bezüge zu später und zum Zeitpunkt der
Niederschrift ihres Werkes herstellt. Sie reflektiert ständig.
Immer wieder greift Lessing
die Frage nach der Erinnerung auf und dem Wechsel der Betrachtungsweise des
eigenen Lebens im Zeitablauf. "You see your life differently at different
stages" (S. 12). Ihre Absichtserklärung findet am am Ende von Kapitel 2:
"I am trying to write this book honestly. But were I to write it aged
eighty-five, how different would it be?" (S. 17)
Im
Laufe des Buchs gibt Lessing mehrere Antworten auf die Frage, warum sie
überhaupt eine Autobiografie schreibt. Mich überzeugte ihre zuerst
gegebene Antwort: viele Leute schrieben oder planten Biografien über die
weltberühmte Schriftstellerin. Damit über manche Verhältnisse
keine Zweifel aufkommen oder gar Legenden in die Welt gesetzt werden, schrieb
sie ihre eigene Biografie (Kapitel 2). Mich hätte interessiert, warum so
spät (Under my Skin erschien 1994) und wie es ihr gelang, sich an
so viele Einzelheiten so genau zu erinnern. |
Stil Wortreich fließen die über 400
Seiten dahin. Lessing erzählt zwar chronologisch, doch mit vielen
Bezügen zu späteren Jahren, insbesondere zur Zeit der Niederschrift
der Biografie. Oft erzählt sie von sich in der dritten Person. "The child
opened her eyes ..." oder mittels ihres Spitznamens "Tigger". Das stellt
einerseits eine Verfremdung her, andrerseits suggeriert die Außensicht
Authenzität. Kritik Die erste
Hälfte liest sich spannend. Die fremde afrikanische Umgebung, die
Überlegungen zu Rassenfragen und ihrer Einstellung zu den Schwarzen
erzeugen Spannung. Teile der zweiten Hälfte überflog ich, da mich die
kommunistischen Zirkel am Ende des 2. Weltkriegs in Rhodesien und
Südafrika kalt ließen. Hier hätte Lessing für den heutigen
Leser kürzen müssen. Andrerseits überraschte mich die Kürze
oder das völlige Fehlen von manchen Themen.
Mit
sechs Jahren wird völlig unvermittelt ihr erstes Gedicht gedruckt. Zwei
Zeilen berichten über diese sensationelle Entwicklung: "Round about then I
wrote a 'prose poem' about a sunset, a paragraph long, and my mother sent it
into the Rhodesia Herald. My first printed effort." (S. 82).
Vorgeschichte? Einfluß der Mutter, die anscheinend vom Geschreibsel des
Kleinkindes überzeugt war? Ähnlich spartanisch berichtet Lessing auch
von ihren ersten Theaterstücken. Mit 10 Jahren schrieb sie ein
"Shakespearian one-act play" (S. 122) und "When I was twelve or so I wrote a
little piece called 'The Treasure Trunk', ..." (S. 104).
Merkwürdig erschien mir Lessings Verhältnis zu ihren Kindern. Eher
nebenbei erfährt der Leser, daß sie bei der ersten Scheidung (von
Frank Wisdom) John und Jean beim Vater blieben: "Not long after I left Frank
and the children I got sick" (S. 297). Sie besucht sie nie oder findet es nicht
erwähnenswert. Erst Jahre später treten sie wieder in ihre
Leben.
In einem Haushalt angestellt und noch ein Kind wird Doris erotisch.
Lapidar und abrupt schreibt sie: "Meanwhile I tried to seduce his
brother-in-law" (S. 184). |