Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Elisabeth Castonier
Elisabeth Castonier: Stürmisch bis heiter. Memoiren einer Außenseiterin
München: DTV, 1985. 328 Seiten. castonier Autorincastonier Bibliografiecastonier Zitate
Angeregt durch das Rundfunkfeature "»Unwahrscheinliche Wahrheiten« Elisabeth Castonier - Landarbeiterin und Schriftstellerin" von Monika Meister (Bayerischer Rundfunk II, 14. März 2004) tauchte ich Elisabeth Castoniers Autobiografie Stürmisch bis heiter ein.
Castonier erzählt ihr Leben bis etwa Mitte der fünfziger Jahre, als sie wieder ihre Schreibmaschine auspackte. Die Höhepunkt des gelungenen Werkes sind Castoniers Ausbruch von der Enge in Dresden und weg von der unsympathischen Stiefmutter nach München. Dort gerät sie in das Künstlerleben der Schwabinger Boheme vorm Ersten Weltkrieg. Weiter geht es durch den Krieg zur zwiespältigen Ausrufung des Freistaats Bayern bis zu ihrer Heirat mit dem dänischen Sänger Paul Castonier. Die Nazis sind ihr anfangs suspekt, später widerwärtig. Sie schreibt dagegen an, steht auf der Liste der unerwünschten Schriftstellerinnen und Schriftsteller (Bücherverbrennung 1933 – 1938 Bücherverbrennungen) und bevorzugt einen wirren Weg ins Exil. 1944 wird die Schriftstellerin und Journalistin Castonier Landarbeiterin auf der "Mill-Farm" von Jane Napier. Krankeitshalber kann sie nicht mehr hart körperlich arbeiten und unverzagt packt sie wieder ihre Schreibmaschine wieder aus. Mit ihren Büchern über die Mill Farm und der Autobiografie wurde sie bekannt. Stürmisch bis heiter erlebte zahlreiche Neuauflagen.
Das kurzweilige Werk besticht durch ein Who's Who der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Alle diese Personen sind ins Geschehen verwoben, es ist keine langweilige oder gar protzige Auflistung. Ich nenne auch nur drei, die auf dieser Website anderweitig vertreten sind: Gustav Meyrink (Gustav Meyrink Rezension: Der weiße Dominikaner), Hermann Keyserling (20.7. 1880 Könno (Livland) – 26.4. 1946 Innsbruck; taucht auch in Hermann Keyserling Albert Vigoleis Thelens Die Insel des zweiten Gesichts auf) und Hanns Heinz Ewers (3.11. 1871 Düsseldorf – 12.6. 1943 Berlin), der nach fantastischen, erotischen und okkultistische Erzählungen und Romanen sich vorbehaltslos den Nazis anbiederte und damit bei Elisabeth Castonier unten durch war. Ewers versuchte sich auch an einer Herausgabe und Fortsetzung zu Friedrich Schillers Der Geisterseher (ewers Nachfolgeliteratur).
Höhepunkte der Biografie waren für mich Elisabeths Reifen zur Selbständigkeit, das Münchner Künstlerleben, die Wirren nach dem Ersten Weltkrieg in München, Elisabeths Versuch mit dem Gatten Paul zurecht zu kommen, die anrührende, behutsame Erzählung seines späteren Tods und die Schilderung des Aufstiegs der Nazis. Hier kann Stürmisch bis heiter durchaus mit Lion Feuchtwangers Erfolg (Feuchtwanger Rezension) oder den Werken Oskar Maria Grafs (graf Oskar Maria Graf,) mithalten. Ich lernte hier sogar mehr über diese Zeit der Wirren, Umbrüche und Fluchten, da Castonier nicht literarisch sondern biografisch berichtet und die Nazi-Köpfe alle beim Namen nennt. Informativ schildert sie den Umschwung der Machtergreifung Adolf Hitlers, der im volkstümlichen Anagramm zur Folterhilda wird.
Die raschen Gesinnungsumschwünge, die zuweilen über Nacht erfolgten, waren nicht nur überraschend, sondern unheimlich, weil Menschen, von denen man dergleichen nie erwartet hätte, so eifrig bemüht waren, ihre Segel nach dem braunen Orkan zu richten. Nicht nur Erwachsene, auch Halbwüchsige und Kinder wurden infiziert und plapperten nach, was die Eltern sagten. S. 199
Die Folgen der braunen Brut waren schnell überall spürbar. Glänzend schildert Castonier die Bücherbrennung, bei der sie live dabei war.
Ich ging mit Ines zum Opernplatz, denn dergleichen sieht man nur einmal im Leben – und außerdem war es gut, Zeuge gewesen zu sein.
Menschenmassen strömten die Linden entlang, Musikkapellen spielten, es herrschte Feiertagsstimmung. Fackelzüge marschierten auf, Studenten umstanden den Scheiterhaufen, warfen ihre Fackeln in die Flammen, hochbeladene Lastwagen brachten das Brennmaterial, die deutsche Literatur. Zuerst kamen die Prominenten, später alles, was aus Verlagen und Buchhandlungen an verbotenen Schriftstellern abgeholt worden war.
Ines bemerkte: »Dies ist natürlich der größte Scheiterhaufen aller Zeiten, weil er vom größten Führer aller Zeiten und dem größten Schreier aller Zeiten befohlen worden ist.«
S. 208 Bücherverbrennung 1933 – 1938 Bücherverbrennungen
Nachdenklich stimmen die Einzelschicksale, die nur geschichtliche Randnotizen (wenn überhaupt) blieben, aber Existenzen und Familien zerstörten.
Beim Rundfunk arbeitete ich längst nicht mehr. Dort waren alle, die ich gekannt hatte, entlassen worden oder geflohen. Zu ihnen gehörte ein Mann, der sich später mit seiner Frau, seinem Bruder und seiner Schwägerin vor Capri mit Steinen beschwert ertränkte. Sie hinterließen einen Brief, in dem sie mitteilten, daß kein Land ihnen Einreisebewilligung erteilt hätte und ihre Aufenthaltsbewilligung in Italien befristet wäre. Sie hofften, daß sie in dem Land, in das sie sich jetzt flüchteten, freundlich aufgenommen würden. S. 218
Vergleiche dazu wie man in Deutschland heutzutage mit Flüchtlingen, Asylsuchenden und Ausländern umgeht: Castonier Ausländer in Deutschland, Schwerpunkt Bayern.
Während die hektischen Zeiten im Dritten Reich mich als Leser anstrengten, setzt Castonier mit ihrer endgültigen Flucht nach England einen geglückten Schlußpunkt. Die Biografie klingt auf der Mill Farm in einer harmonischen Pastorale aus, die Lust auf die folgenden Werke der Schriftstellerin macht.
Ein kleiner Wermutstropfen bei der Lektüre waren für mich einige unübersetzte französische Sätze.
Hervorragende Biografie; unbedingt lesen!
Eine lebenslange Begleiterin war Alice Berend für Elisabeth. Aus "ihrem schönen Bauernroman »Die zu Kittelsrode«" zitiert sie, daß "Waffen rosten, die Erde aber immer neue Früchte trägt".
Derzeit (4/2004) nur antiquarisch
Elisabeth Castonier: Stürmisch bis heiter. Memoiren einer Außenseiterin. Broschiert - München: DTV, 1985. 328 Seiten

Elisabeth Castonier
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.3.2004