Angeregt durch
das Rundfunkfeature "»Unwahrscheinliche Wahrheiten« Elisabeth Castonier
- Landarbeiterin und Schriftstellerin" von Monika Meister
(Bayerischer Rundfunk II, 14. März 2004) tauchte ich Elisabeth
Castoniers Autobiografie Stürmisch bis heiter ein.
Castonier erzählt ihr Leben bis etwa Mitte der fünfziger Jahre, als sie
wieder ihre Schreibmaschine auspackte. Die Höhepunkt des gelungenen
Werkes sind Castoniers Ausbruch von der Enge in Dresden und weg von der
unsympathischen Stiefmutter nach München. Dort gerät sie in das
Künstlerleben der Schwabinger Boheme vorm Ersten Weltkrieg. Weiter geht
es durch den Krieg zur zwiespältigen Ausrufung des Freistaats Bayern
bis zu ihrer Heirat mit dem dänischen Sänger Paul Castonier. Die Nazis
sind ihr anfangs suspekt, später widerwärtig. Sie schreibt dagegen an,
steht auf der Liste der unerwünschten Schriftstellerinnen und
Schriftsteller ( 1933 – 1938 Bücherverbrennungen)
und bevorzugt einen wirren Weg ins Exil. 1944 wird die Schriftstellerin
und Journalistin Castonier Landarbeiterin auf der "Mill-Farm" von Jane
Napier. Krankeitshalber kann sie nicht mehr hart körperlich arbeiten
und unverzagt packt sie wieder ihre Schreibmaschine wieder aus. Mit
ihren Büchern über die Mill Farm und der Autobiografie wurde sie
bekannt. Stürmisch bis heiter erlebte zahlreiche
Neuauflagen.
Das kurzweilige Werk besticht durch ein Who's Who der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts. Alle diese Personen sind ins Geschehen verwoben, es
ist keine langweilige oder gar protzige Auflistung. Ich nenne auch nur
drei, die auf dieser Website anderweitig vertreten sind: Gustav Meyrink ( Rezension: Der weiße Dominikaner),
Hermann Keyserling
(20.7. 1880 Könno (Livland) – 26.4. 1946 Innsbruck; taucht
auch in Albert Vigoleis Thelens Die
Insel des zweiten Gesichts auf) und Hanns Heinz Ewers
(3.11. 1871 Düsseldorf – 12.6. 1943 Berlin), der nach fantastischen,
erotischen und okkultistische Erzählungen und Romanen sich
vorbehaltslos den Nazis anbiederte und damit bei Elisabeth Castonier
unten durch war. Ewers versuchte sich auch an einer Herausgabe und
Fortsetzung zu Friedrich Schillers Der Geisterseher
( Nachfolgeliteratur).
Höhepunkte der Biografie waren für mich Elisabeths Reifen zur
Selbständigkeit, das Münchner Künstlerleben, die Wirren nach dem Ersten
Weltkrieg in München, Elisabeths Versuch mit dem Gatten Paul zurecht zu
kommen, die anrührende, behutsame Erzählung seines späteren Tods und
die Schilderung des Aufstiegs der Nazis. Hier kann Stürmisch bis heiter
durchaus mit Lion Feuchtwangers Erfolg ( Rezension)
oder den Werken Oskar Maria Grafs ( Oskar Maria Graf,)
mithalten. Ich lernte hier sogar mehr über diese Zeit der Wirren,
Umbrüche und Fluchten, da Castonier nicht literarisch sondern
biografisch berichtet und die Nazi-Köpfe alle beim Namen nennt.
Informativ schildert sie den Umschwung der Machtergreifung Adolf Hitlers, der im
volkstümlichen Anagramm zur Folterhilda wird.
| Die raschen
Gesinnungsumschwünge, die zuweilen über Nacht erfolgten, waren nicht
nur überraschend, sondern unheimlich, weil Menschen, von denen man
dergleichen nie erwartet hätte, so eifrig bemüht waren, ihre Segel nach
dem braunen Orkan zu richten. Nicht nur Erwachsene, auch Halbwüchsige
und Kinder wurden infiziert und plapperten nach, was die Eltern sagten.
S. 199 |
Die Folgen der braunen Brut waren schnell überall spürbar. Glänzend
schildert Castonier die Bücherbrennung, bei der sie live dabei war.
Ich ging mit Ines zum
Opernplatz, denn dergleichen sieht man nur einmal im Leben – und
außerdem war es gut, Zeuge gewesen zu sein.
Menschenmassen strömten die Linden entlang, Musikkapellen spielten, es
herrschte Feiertagsstimmung. Fackelzüge marschierten auf, Studenten
umstanden den Scheiterhaufen, warfen ihre Fackeln in die Flammen,
hochbeladene Lastwagen brachten das Brennmaterial, die deutsche
Literatur. Zuerst kamen die Prominenten, später alles, was aus Verlagen
und Buchhandlungen an verbotenen Schriftstellern abgeholt worden war.
Ines bemerkte: »Dies ist natürlich der größte Scheiterhaufen aller
Zeiten, weil er vom größten Führer aller Zeiten und dem größten
Schreier aller Zeiten befohlen worden ist.« S. 208 1933 – 1938 Bücherverbrennungen |
Nachdenklich stimmen die Einzelschicksale, die nur geschichtliche
Randnotizen (wenn überhaupt) blieben, aber Existenzen und Familien
zerstörten.
Beim Rundfunk arbeitete
ich längst nicht mehr. Dort waren alle, die ich gekannt hatte,
entlassen worden oder geflohen. Zu ihnen gehörte ein Mann, der sich
später mit seiner Frau, seinem Bruder und seiner Schwägerin vor Capri
mit Steinen beschwert ertränkte. Sie hinterließen einen Brief, in dem
sie mitteilten, daß kein Land ihnen Einreisebewilligung erteilt hätte
und ihre Aufenthaltsbewilligung in Italien befristet wäre. Sie hofften,
daß sie in dem Land, in das sie sich jetzt flüchteten, freundlich
aufgenommen würden. S. 218
Vergleiche dazu wie
man in Deutschland heutzutage mit Flüchtlingen, Asylsuchenden und
Ausländern umgeht: Ausländer in Deutschland,
Schwerpunkt Bayern. |
Während die hektischen Zeiten im Dritten Reich mich als Leser
anstrengten, setzt Castonier mit ihrer endgültigen Flucht nach England
einen geglückten Schlußpunkt. Die Biografie klingt auf der Mill Farm in
einer harmonischen Pastorale aus, die Lust auf die folgenden Werke der
Schriftstellerin macht.
Ein kleiner Wermutstropfen bei der Lektüre waren für mich einige
unübersetzte französische Sätze.
Hervorragende
Biografie; unbedingt lesen!
Eine lebenslange Begleiterin war Alice Berend für Elisabeth. Aus "ihrem
schönen Bauernroman »Die zu Kittelsrode«" zitiert sie, daß "Waffen
rosten, die Erde aber immer neue Früchte trägt". |