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Damm
Sigrid Damm: Christiane und Goethe. Eine Recherche
RM Buch und Medien, 1999. 540 Seiten – goethe Autoringoethe Ergänzungengoethe Linksgoethe Literaturgoethe Stil
Christiane und Goethe schildert das Leben der Christiane Vulpius (1.6.1765 – 6.6.1816) an der Seite von Johann Wolfgang von Goethe. 18 Jahre lebten sie in wilder Ehe, 10 Jahre offiziell verheiratet nebeneinander.
Nach drei einführenden Seiten spürt die Autorin den Ahnen der Vulpius bis 1597 nach und mir schwante Schlimmes. Inwieweit sich dies erfüllte soll diese Besprechung zeigen.
Sigrid Damm gelang es in akribischer Sichtung der teils spärlichen Belege und aufwändiger Spurensuche ein Bild der Zeit in Weimar, Thüringen und Deutschland der Jahre 1765 bis 1816 zu zeichnen. Dabei verwendete sie einen so spitzen Ansatz, dass mir die vielen Einzelheiten überdrüssig wurden.
Der Schwerpunkt liegt bei Christiane Vulpius, die, aus der untersten Mittelschicht stammend, Geliebte und Gattin des Dichterfürsten Goethe wurde. Sie erweist sich als lebensklug, praktisch, vielleicht auch duckmäuserisch, was aber bei ihrer Herkunft verständlich ist.
Neben dem Verhältnis der beiden zueinander, beschreibt Sigrid Damm das häusliche Leben im Goethehaus am Frauenplan. Selbstverständlich kommt auch die zweite Person im Titel, Goethe selbst, nicht zu kurz. (Warum werden so oft die Frauen mit dem Vornamen, die Männer aber mit dem Familiennamen angesprochen?)
Sehr klar wird die Günstlingswirtschaft am Hof. Während der Vater Vulpius mit wenigen Talern im Jahr auskommen muss, werden anderen bevorzugt die Rechnungen bezahlt oder leben üppig am und vom Hof des Herzogs Carl August. Vulpius erhält 75 Taler im Jahr, Goethe zu Beginn 1200 Taler. Uns heutigen Lesern fallen die Fassaden auf, die sich um diese Schicht und auch innerhalb dieser auftürmen. Bezeichnend dafür ist die Episode um Goethes Orden. Nach der Niederlage Napoleons kann er das von ihm verliehene Kreuz der Ehrenlegion nicht mehr tragen (S. 424). Er regt an, dass ihm ein österreichischer Orden verliehen wird und entwirft schon vorsorglich ein Dankschreiben (S. 435). Zwei Jahre später erhält er prompt den "beantragten" Orden. (Vergleiche: goethe Der Bayerische Verdienstorden, u.a.)
Sigrid Damm schwankt zwischen reiner Dokumentation und Kommentar, zumindest durch Fragen. Insgesamt betont sie zu sehr die Unbekümmertheit und Nachlässigkeit des Gatten, weniger die Funktionen der Regeln und des Blendwerks am Hof. So schreibt sie, dass er ihr wenig Privilegien gab, die ihr zugeschriebene Rolle auszuführen: "Niemals eine Unterrichtsstunde, keine Ausbildung in irgendeiner Form. Er hat ihr nicht die geringste Chance gegeben, sich zu bilden" (S. 464). Vielleicht wollte aber Christiane nicht. Aus Christiane und Goethe gewann ich den Eindruck, daß Christiane, abgesehen von der häufigen Abwesenheit ihres Mannes, mit ihrem Leben zufrieden war.
Johann Gottfried von Herder (goethe Erläuterungen), oberster evangelischer Kirchenmann am Hof, schreibt aus Italien (das ihm, im Gegensatz zu Goethe, nicht behagt): "Ein armes Mädchen – ich könnte mir's um alles nicht erlauben" (S. 122). Er beruft sich also ausdrücklich nicht auf Bibel oder Gottes Gebote, sondern auf die Etikette.
Die künstlerische und wissenschaftliche Tätigkeit Goethes wird von der Autorin knapp behandelt (zurecht, dazu gibt es genügend andere Werke). Mich erstaunte, daß Goethe trotz äußerer Widrigkeiten konzentriert schreiben konnte; so arbeitet er im Feldzelt die Farbenlehre aus (goethe Die Farbenlehre Goethes und Newtons im Kapitel 42 "The Whiteness of the Whale", Moby Dick).
Stil
Damm schreibt faktenbetont und arbeitet dabei ihre umfangreiche Recherchearbeit (Untertitel: Eine Recherche) auf. Sie belegt ihre Behauptungen und setzt die aus Dokumenten übernommenen Stellen kursiv. Ob in einer Arbeit für Laien wirklich jeder Futzelkram belegt werden muß, bezweifle ich. Ihr Stil ist wohl Geschmackssache. Mir gefiel ausgezeichnet, wie die Autorin es versteht, wörtliche Zitate in ihren Redefluss einzubauen; wie sie kurz aus der Chronologie springt und zurück oder in die Zukunft verweist. Ihre häufigen kurzen Sätze ohne Prädikate gefielen mir dagegen nicht.
So genau wollte ich es eigentlich nicht wissen. Wer Bellestristisches erwartet, hat den Untertitel Eine Recherche ungenügend berücksichtigt. Es ist eine aufschlussreiche Biografie zweier ungewöhnlicher Menschen in einer fernen Zeit, die noch in die Gegenwart strahlt. Die Besprechung sollte es für jeden Leser klarmachen, ob er die 540 Seiten anpacken soll.
damm Anfang
Ergänzungen
Johann Gottfried von Herder, 25.8. 1744 Mohrungen (heute Morag, Woiwodschaft Olsztyn [Allenstein], Ostpreussen, Polen) – 18.12. 1803 Weimar; Schriftsteller, Theologe, Philosoph; ab 1801 Oberkonsistorialpräsident in Weimar
Spanische Fliege (Kantharide, Lytta vesicatoria), 12 bis 20 mm lange, metallisch grüne Art der Blasenkäfer. Die Spanische Fliege enthält den Giftstoff Cantharidin, der zu Nierenschädigungen führen kann (früher als Heilmittel und Aphrodisiakum benutzt). Christiane wurde damit behandelt und stirbt am 6.6.1816 wahrscheinlich an Nierenversagen (S. 504).
Atheismusstreit
An anonymen Artikeln im Philosophischen Journal, Herausgeber Johann Gottlieb Fichte, 1799 entzündete sich der Atheismusstreit. Fichte hatte Gott als »sittliche Weltordnung« bestimmt. Der Fürstenhof in Weimar entlässt ihn daraufhin wegen Verbreitung atheistischer Ideen als Professor (Wissenschaftslehre, Philosophie) in Jena. Fichte hatte sich schon vorher wegen seiner jakobinisch-demokratischen Haltung unlieb gemacht.
Sigrid Damm
* 1940 in Gotha, Thüringen geboren und aufgewachsen.
1959-65 Studium der Germanistik und Geschichte in Jena (Dr. phil.).
1965 bis 1970 Hochschullehrerin in Jena
Seit 1970 Kritikerin, Herausgeberin und freie Schriftstellerin.
1993 Gastdozentin an den Universitäten Glasgow und Edinburgh.
1994 Gastprofessorin in Hamburg. Mitglied des P.E.N. Lebt in Berlin und in Roknäs/Nordschweden.
Links
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Damm   dammSigrid Damm: Christiane und Goethe. Frankfurt am Main: Insel, 2001. Broschiert. Damm
Sigrid Damm: Christiane und Goethe. Frankfurt am Main: Insel, 2004. Broschiert, 531 Seiten damm
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