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de Bruyn
Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter
Frankfurt: Fischer, 1976. Gebunden, 408 Seiten – Günter LinksGünter Literatur
Jean Paul Diese, bereits 1975 erschienene Biografie des  Schriftsteller Jean Paul ist immer noch lesenswert. Der Autor Günter de Bruyn lebte damals in der DDR. Das merkt man der Biografie nur an wenigen Stellen an und die stören nicht.
Günter de Bruyn begleitet Johann Paul Friedrich Richter, der sich als Schriftsteller Jean Paul nannte, durch ein bewegtes Leben, das nur 62 Jahre währte.
Man kann es in drei Abschnitte teilen:
• Jugend und Beginn seiner Schriftstellertätigkeit, die mit Hesperus (1795) relativ schnell zu überwältigem Erfolg führte.
• Dann sonnte sich Jean Paul eine Zeit lang im Erfolg und traf viele Geistesgrößen seiner Zeit (Klassik und Romantik).
• Nach der Heirat wohnte die Familie an mehreren Orten und ließ sich dann 1804 in Bayreuth nieder. Er korrespondierte noch fleißig, aber seine literarischen Erfolge konnte er nicht mehr wiederholen. Dafür wanderte er täglich in die Rollwenzelei – einem Hof in der Nähe – zum Arbeiten. Von Bayreuth aus unternahm Jean Paul zahlreiche Reisen. Er wurde zu einer Leitfigur der patriotischen Studenten, ohne dass er viel dafür tat. Nach langer Krankheit starb er 1825.
Neben dieser Lebensgeschichte (die man von einer Biografie erwartet), bietet Bruyn zahlreiche Analysen der Werke. Dies war für mich als Nicht-Jean-Paul Kenner (Ausnahme: D. Katzenbergers Badereise) nicht so spannend. Umso interessante war die dritte Komponente dieser Biografie: der politische, geistige, philosophische und revolutionäre Hintergrund der Lebenszeit Jean Pauls.
Einige Themen und Motive, die mir besonders auffielen
Jean Paul war ein Denker der Aufklärung und den eigenen Verstand benützte er schon als 13-Jähriger. Als Pfarrerssohn tat er sich besonders schwer mit undogmatischem Denken. Bruyn schildert eindringlich (S. 100-102) die Auswirkungen der kindlichen Indoktrination durch Schule und Elternhaus (dies kontra dem oft gehörten: jeder kann mit beginnendem Erwachsentum seinen Standpunkt frei wählen). Jean Paul konnte zeitlebens – obwohl kirchen- und religionsfern – von einigen Dogmen der Kindheit, z.B. Unsterblichkeit der Seele nicht lassen.
Mir war vor dieser Biografie nicht bekannt, dass Jean Paul zu einem guten Teil auch der Klassik und dem 18. Jhdt. zuzurechnen ist.
• Sympathisch wurde er mir zusätzlich durch seine Vorliebe fürs bayerische Bier (auch wenn sie für seine Gesundheit wohl nicht so zuträglich war), das er sich in den Norden nachliefern ließ. In der Mark Brandenburg vermisste er „eine schöne Gegend“, die er mit „wo es Berge gibt – und gutes Bier“ (S. 222) gleichsah. Reine Fruchtsäfte waren seine Sache nicht: „Und steigt mir ein Sache nicht in den Kopf, so soll sie auch nicht in die Blase“ (S. 245).
• Dass Jean Paul von der Nationalstaatlichkeit wenig hielt und Menschlichkeit und Kultur bevorzugte, macht ihn zusätzlich sympathisch. Gegen den den Krieg greift er ein paar mal zur Feder (S. 290).
Im Kapitel über die Zensur schreibt Bruyn: „Mauern schützen zwar, versperren aber auch die Sicht“ (S. 265). Ob das ein Hieb gegen die Berliner Mauer war mögen Experten entscheiden.
Jean Paul bemühte sich zeitlebens um Originalität in seinen Werken. das ging bis in die Orthografie. Amüsant sind Bruyns Ausführungen zu Jean Paul und dem darin radikaleren Christian Hinrich Wolke. Das Zwischen-„s“ bei zusammengesetzten deutschen Wörtern erfolgt (ich wusste es lange nicht) völlig regellos. Beispiele sind: „Nachttraum“, aber „Sommernachtstraum“; „Kaiserkrone“, aber „Königskrone“ (S. 343). Die beiden, Jean Paul   und Wolke, wollten dies verbessern. Es ist ihnen nicht gelungen. Österreicher sagen „Antwortszeiten“, wir aber „Antwortzeiten“.
Bruyn erklärt im Nachwort, dass er weder eine übliche Biografie noch einen Jean Paul Roman schreiben wollte. Für beides sind wir ihm dankbar. Denn der Versuch davon Abstand zu halten ist voll gelungen: inhaltlich und stilistisch. Ich meine, besonders Sigrid Damm hat viel von ihm gelernt (und überzogen; siehe Günter Vergleichsliteratur). Dem gesamten Werk kam zugute, dass Bruyn zwar ein Jean Paul Kenner und sichtlich auch von seinen Qualitäten überzeugt ist, ihn aber nicht aufs Ehrenpodest erhebt.
Günter Bruyn empfiehlt folgende Werke für Jean Paul Einsteiger (S. 254):
• Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal, 1793
• Leben des Quintus Fixlein. Erzählung, 1796
• Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel. Roman, 1796–97, „der erste deutsche Eheroman von künstlerischem Wert, der dem zweiten, Goethes „Wahlverwandtschaften“ ebenbürtig, in der Darstellung von Sozialem aber überlegen ist“ (S. 165).
• D. Katzenbergers Badereise, 1809
Am Ende der Anfängerreihe nennt er
• Flegeljahre. Eine Biographie, 1804–05.
Am besten ist diese Biografie wenn es um Jean Pauls Leben geht. Die Werksinterpretationen und die Zitate aus den Werken gerieten für mich zu lang. Hervorragend löste der Autor die Einbettung in die Zeit, wenn er dabei auch manchmal zu ausführlich wurde.
Sehr lesenswert.
Vergleichsliteratur
Günter Sigrid Damm: Christiane und Goethe. Eine Recherche
Günter Sigrid Damm: Cornelia Goethe
Links
PaulJean Paul (* 21. März 1763 in Wunsiedel; † 14. November 1825 in Bayreuth)
PaulJean-Paul-Gesellschaft
PaulJean Paul / Johann Paul Friedrich Richter online bei Gutenberg-DE
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Bruyn de BruynGünter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Frankfurt: Fischer, 2004. Taschenbuch, 408 Seiten
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