| Reich-Ranicki, Marcel. Mein Leben
Stuttgart: DVA, 1999. 565 Seiten |
Wer ein paar Literarische Quartette
gesehen hat, kennt den emphatischen, flüssigen Stil, mit dem Marcel
Reich-Ranicki (MRR) in Mein Leben eben sein Leben erzählt. Manches
kannte ich aus Interviews mit ihm, doch es ist angenehm alles auch das
Unangenehme nochmals zu lesen. Besonders im ersten Teil des Buches
bis zur Rückkehr in die Bundesrepublik 1958 gelingt MRR eine
spannende, mitunter witzige, immer glaubwürdige Darstellung.
Selbst tagesaktuelle Bezüge fehlen, obwohl Mein Leben erschien, als die CDU mit Kultur noch wenig zu tun hatte. MRR weiß den literarischen Ankerpunkt für deutsche Kulturhoheit. Er liegt beim vergessenen Autor des 19.Jahrhunderts Emanuel Geibel: "Und es mag am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen". MRR legt dann die ewige Feindmetapher der Deutschen für die Nazizeit aus: "Die vielen Juden auf den Straßen Warschaus das waren die schrecklichen asiatischen Horden, die die Europäer bedrohten und die den Ariern, den Deutschen vor allem, nach dem Leben trachteten" (179). Heute sinds die Scientologen, die Kurden oder Asylanten. Doch MRR lobt uns auch: "Deutsche waren es, und sie haben sich dennoch wie zivilisierte Menschen verhalten" (228). Der aufmerksame Leser erfährt auch den Ursprung für Günther Becksteins Einteilung in Ausländer, die uns nützen und solche, die dies nicht tun. Aus dem Warschauer Getto: "Ein neuer deutscher Begriff kam in Umlauf : »nützliche Juden«. Als »nützlich« galt, vermutete man, wer im Sinne der »Eröffnungen und Auflagen« von der »Umsiedelung« ausgenommen war" (254-255). Der zweite Teil der Autobiografie so ab Seite 400, nach der Rückkehr in die Bundesrepublik gerät dem Kritikerfürsten nicht mehr so einheitlich. Es ist ein Fleckerlteppich einzelner Autorenporträts. Manches wird hier ausgespart (Streit mit Walter Jens). Mein Verdacht: MRR ließ sich die Option für Mein Leben Teil 2 offen. Mein Leben ist erhellende und lohnende Lektüre. |
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| München: DTV, Taschenbuch - 565 Seiten | ![]() |
Stuttgart: DVA, 1999. Gebundene Ausgabe - 565 Seiten | ![]() |