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Gerd Pfitzner
Pfitzner, Gerd: Nur eine Farbe. Roman aus den Tessiner Bergen
Berlin: Frieling, 2000. 157 Seiten
Kurz nach Das Grau der Karolinen von Karl Modick lese ich schon wieder ein Buch mit Farbe im Titel. Und es ist wieder das Grau; diesmal nicht das Grau eines Bildes sondern des Alltags von Jugendlichen in den Tessiner Bergen in der Schweiz. Im Mittelpunkt des kurzen Romans stehen Beziehungen, – mal so, dann wieder anders, grau eben – und eine Schmuggelaktion, die den grauen Alltag der Jugendlichen durchbricht und ihre Finanzen aufbessern soll. Im Laufe der Handlung merkt man, daß es um mehr als Zigarettenschmuggel geht und daß mehr dahintersteckt als lokale Schieberei. Irgendwie habe ich als Zeit des Geschehens 1964 in Erinnerung, kann es aber nicht mehr anhand einer Textstelle festmachen; es wird mal Out of Time der Stones gespielt, was wohl hinkommt, da die Stones 1964 ihr erstes großes Jahr hatten. Dafür ist nun der Zigarettenschmuggel wirklich out of time und der Leser fühlt sich zunächst ins 19.Jahrhundert zurückversetzt. Die Männer merken es nicht, doch das Mädchen Micci klärt den Ich-Erzähler über die Mickrigkeit der Aktion auf: "Wenn du willst, lade ich morgen meinen ganzen Kofferraum voll Zigaretten und fahre ungehindert über die Grenze" (132). Das erinnerte mich an einen guten Western. Dieser schilderte einen Postkutschenräuber, der seine Gefängniszeit abgesessen hat, rauskommt und weiter Postkutschen überfallen will. Auf die inzwischen eingesetzten, neumodischen stählernen Dampfkutschen kann er sich nicht umstellen. Er scheitert.
In Pfitzners Roman wird der Übergang von der Schweiz nach Italien mit den voll bepackten Rucksäcken spannend geschildert. Das Ende wird gut vorbereitet und ist hochdramatisch. Der Ich-Erzähler Tonio läßt uns aber kaum hinter die Kulissen sehen. Es wird nicht klar, warum die Jugendlichen meist in Kneipen oder auf Parties rumtrinken. Tonio geht nur stundenweise in die Arbeit, obwohl er Geld nötig hätte; wird straffällig, warum wird nicht einmal angedeutet. Ist es der Zeitgeist der aufkommenden Flower-Power-Bewegung? Auch was die Lage so dramatisch verändert haben soll, konnte ich dem Geschehen nicht entnehmen.
Die Sprache ist angemessen aber wohl zu einfach. Hier wäre noch harte Arbeit am Text nötig gewesen. So stehen deutsche Schlagertitel wie "Ihre Augen, das kann ich jetzt sehen, sind so tief wie der Lago Maggiore" (129) neben nachvollziehbaren Einsichten: "Und wie das so ist an vom Glück begünstigten Tagen. Ich sehe nur glückliche Leute" (129). Und es fallen gleichartige Phrasen, die man hätte ausmerzen müssen, wie z.B. "Ich kenne die Berge um Bellinzona wie meine Westentasche" (66) und "Diese Seite des Lago Maggiore kenne ich wie meine Westentasche" (135). Im ersten Fall ist es zudem nicht so glaubwürdig: Tonio verläuft sich und führt seine Gruppe weglos umher (was, zumal im Gebirge, trotz genauer Ortskenntnis schon mal passieren mag). Die oft flache Sprache ist umso verwunderlicher, als das dem Roman verangestellte dreistrophige Gedicht Könnerschaft zeigt.
Der sehr gute Plot und die beabsichtigte Aussage des Romans zur Novelle verdichtet, das hätte Conrad F. Meyer Konkurrenz gemacht! Nur eine Farbe ist spannende Lektüre und läßt auf Besseres vom Autor hoffen; kann mit dem zur etwa selben Zeit spielenden (wenn auch nicht der Länge nach) Die Kinder von Torremolinos von James Michener durchaus konkurrieren. Das Motiv der gefährlichen Wanderung von einem Tal ins andere gibt's auch in Stifters "Bergkristall".
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Nur eine Farbe. Roman aus den Tessiner Bergen. Berlin: Frieling, 2000. Taschenbuch, 160 Seitenpfitzner Gerd Pfitzner

Gerd Pfitzner
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