| Peter
Härtling: Große, kleine
Schwester München: DTV, 2000. 341 Seiten. – |
Peter Härtling erzählt uns das Leben zweier Schwestern,
Ruth Böhmer und Lea Pospischil, im 20.Jahrhundert. Geboren 1907 bzw.
1908 wachsen die beiden in Mähren auf. Sie erleben eine behütete
Kindheit. Der Leser ahnt die Möglichkeiten, die in diesen Kindern
liegt; Ruth, mehr intellektuell, Lea, eher sportlich, geht zum
Ballettunterricht. Doch höhere Mächte und zwei Weltkriege zerstörten
alles im Keim. Die jungen Frauen spüren und erleben die wechselnden
Einstellungen zu Tschechen und Deutschen, aber auch Österreicher und
Juden, ohne sie zu verstehen.
"Die einen wurden sichtbar und zeigten sich.Das ist eine der Schwierigkeiten, die sich der Autor auferlegt hat: er will das persönliche Schicksal der beiden Schwestern vor dem geschichtlichen Hintergrund schildern. Es gelingt ihm, obwohl ich den Kritiken beipflichte, die meinen, die gewaltigen historischen Verstrickungen kommen zu kurz. Das liegt einerseits daran, daß sich Ruth und Lea eigentlich recht wenig um diese Vorgänge kümmern und andrerseits an dem steifen Stil des Autors, über den noch zu klagen sein wird. Die Schwestern lassen sich eher passiv durchs Leben treiben, ohne wichtige Fragen zu stellen. So kommt es, daß sie außer einem gescheiterten Ausbruchsversuch zu Beginn des zweiten Weltkriegs, nach achtzig Jahren nichts vorzuweisen haben. Härtling verzahnt zwei Handlungsperspektiven:
Nicht anfreunden konnte ich mich mit dem sonderbaren Erzählstil des Romans. Es bleibt mehr ein berichthafter Eindruck als eine fesselnde Geschichte. Dazu trägt die hier wieder praktizierte Unart des Weglassens der Apostrophe bei der wörtlichen Rede bei. Dadurch wird der Erzählfluß noch holpriger und abgehakter. Beispiel für schwierige Interpretation aufgrund fehlender Apostrophe: "Pan Lersch hat sich erhängt. Er hat sich erhängt ohne uns zu fragen, stell dir das vor. Jiri wird immer leiser und immer schneller. Die SS hat ihn ... schlang einen Strick um einen Haken an der Decke und um seinen Hals und stieß den Stuhl um. Jiri war kaum mehr zu verstehen. Erst nach drei Tagen ist er gefunden worden" (277).Ohne Apostroph weiß man erst nach einer Holper-Denkphase, daß sich das "er" im letzten Satz nicht auf Jiri bezieht, sondern auf den erhängten Pan. Ein Beispiel für den berichtsartigen Stil ist die folgende Schilderung anläßlich der Geburtstagsfeier zu Ruths achtzigstem Jubeltag: "Es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis sie mit dem Bus in die Stadt fahren, zum Essen.Hier fehlt nur noch der genaue Rechnungsbetrag. Gut getroffen finde ich dagegen die atmosphärische Schilderung des Lebensabend der beiden Damen. Der Leser spürt, daß ein Schicksal ähnlicher Art viele Leute des vergangenen Jahrhunderts aufzuweisen haben. So wird die Niedertracht der Nazis nicht nur in den Toten, sondern auch in den Überlebenden manifest: sie blicken auf einen Leben, in dem sie keine echte Chance hatten, zurück. |
| Trotz stilistischer Einwände: empfehlenswert. |
| Links |
| Literatur |
| Monika
Hernik-Młodzianowska: "Zur Inszenierung von Erinnerung im Werk von
Peter Härtling". Diss. Justus-Liebig-Universität Gießen 2008; |
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| Peter
Härtling: Große, kleine
Schwester. Kiepenheuer
und Wisch: Köln, 1998. Gebunden, 341 Seiten
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