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Leonie Ossowski
Leonie Ossowski. Weichselkirschen
München: Heyne, 1991. 378 Seiten. – Ossowski Kurzbiografie
Die Sendereihe "Lesezeichen" im Bayerischen Fernsehen stellte ein Buch vor und interviewte die, für mich bis dahin völlig unbekannte Autorin. Ich griff auf ein älteres Werk von ihr zurück. Weichselkirschen erzählt den Besuch von Anna im polnischen Dorf Ujazd (vormals Rohrdorf). Sie wuchs dort als Kind der Rittergutsbesitzer auf, später wurde sie in den Westen verschlagen. Nun kehrt sie als Journalistin zurück.
Man sollte sich gleich zu Beginn ein großes Papier zurechtlegen und sofort jeden Personennamen aufschreiben. Auf den ersten zwölf Seiten führt die Autorin fünfzehn Personen, meist mit bürgerlichen Namen und Spitznamen, ein; danach hörte ich zum Zählen auf. Später übertrug ich alle Namen in der dann besser erkenntlichen Ordnung auf ein neues Blatt. Unaufgeregt entwickelt die Ossowski ihre Handlung anhand der gesamten Dorfbevölkerung. So kann sie recht unterschiedliche Charaktere zeigen, die ihre Liebe zum Wodka gemeinsam haben. Die Spannung entsteht einerseits durch alte Beziehungen zwischen den Einwohnern und Annas Familie, andrerseits durch den Drang der Jungen in Ujazd, diesem möglichst den Rücken zu kehren. So bleibt - trotz vieler Einzelszenen - der große Bogen erhalten. Manches wirkt etwas aufgesetzt. Beispielsweise das Wiedersehen der einst Verliebten Anna und Ludwik an der Napoleonspappel (123-126). Obwohl sie sich im Dorf schon getroffen haben (106-107) zieht es sie unausgesprochen gleichzeitig und getrennt zur Napoleonspappel. Dort habe sie sich dann nichts zu sagen!?
Der Roman liest sich flüssig, krankt jedoch an der Personenfülle. In vielen Szenen wird eine Handlung beschrieben, aber auch, was zur selben Zeit gerade Jadwiga, Jurek und Jolka machen. Der Stil mit knappen Sätzen wirkt stakkatohaft wie ein Holzhacker. Das wird verstärkt durch die fehlenden Anführungszeichen bei wörtlicher Rede. Diese Unart habe ich schon in vielen Rezensionen bemängelt. Sie mag in modernen Romanen (z.B. Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob) als Stilmittel legitim sein, doch in Romanen konventioneller Bauart und Provenienz scheint es mir eine verzichtbare Marotte. Zumal in Weichselkirschen die wörtliche Rede dann ohne Ansatz in den Erzähltext übergeht. Die Grenze ist manchmal erst im Nachgedanken auffindbar, meist zumindest holprig.
Etwas verwirrt hat mich die Schilderung des Kriegsbeginns 1939 an der ehemaligen deutsch-polnischen Grenze (354f). Haben wir Deutsche doch zurückgeschossen? Sonderbar.
Insgesamt ein Roman für die Ferien. Leonie Ossowski gelingt es Klischees zu vermeiden (außerm Wodka, doch das ist vielleicht doch kein Klischee) und eine spannende Dorfgeschichte mit Bezügen zur neueren deutsch-polnischen Geschichte zu erzählen. Als Fazit kann man feststellen: sehr viel hat sich in Ujazd nicht geändert. Was früher die Gutsherren waren, sind jetzt die Bonzen vom Kombinat.
Der Roman Weichselkirschen ist der erste Teil der Schlesien-Trilogie. Es folgten die Romane Wolfsbeeren und Holunderzeit.
Kurzbiografie
Leonie Ossowski wurde 1925 in Polen geboren und lebt seit 1980 in Berlin. Als Dreißigjährige begann sie ihre schriftstellerische Karriere und schrieb Drehbücher, Theaterstücke, Erzählungen und Romane. Sie engagierte sich als ehrenamtliche Bewährungshelferin, betreute eine Jugendgruppe im Gefängnis und war Mitbegründerin einer Wohngemeinschaft für strafentlassene Jugendliche. Für das Drehbuch zum Film "Die große Flatter" erhielt sie den Adolf-Grimme-Preis in Silber, für ihr Gesamtwerk den Schiller-Preis der Stadt Mannheim; sie erhielt außerdem den Buxtehuder Bullen und den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin. KnappKurzbiographie (Ergänzung)
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  Weichselkirschen. München: Piper Taschenbuch - 400 Seiten
Weichselkirschen. Wolfsbeeren. Holunderhochzeit. Berlin: Ullstein., 2000. Taschenbuch - 1149 SeitenOssowski

Leonie Ossowski
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.8.2001