Ein erstaunliches Buch! Ein
zwiespältiges Buch. Peter Milger ist Wissenschaftsjournalist beim
Fernsehen. Laut Klappentext hat er am Buch und der gleichnamigen Fernsehserie
fünf Jahre lang gearbeitet. Und das glaubt man ohne weiteres, wenn man
sich etwas in das Buch eingearbeitet hat. Einarbeiten muß man sich, denn
es ist nicht so einfach zugänglich, was verwundert, da es als Fernsehserie
für ein breites Publikum zugeschnitten wurde. Die Kreuzzüge
bietet eine Fülle von Material, viele Quellen werden zitiert. Oft kommen
zu einzelnen Ereignissen verschiedene Chronisten und Dokumente zu Wort. Man
kann vergleichen und (muß) sich selbst ein Bild machen. Die
Kreuzzüge ist auch deshalb keine einfache Lektüre, weil die
Tatbestände ungeheuerlich sind. Hatte ich bisher die Kreuzzüge
für verwerfliche Auswüchse christlicher Fanatiker gehalten, so
mußte ich mein Urteil gründlich revidieren.
- Die Kreuzzüge wurden von höchsten kirchlichen und
weltlichen Stellen angeordnet,
- es wurde dafür geworben; Sündenablässe wurden
ausgelobt,
- es nahmen nicht Fanatiker teil, sondern ganz normale
Christen, die den Hof verkauften, die Familie in Stich liessen und dem Aufruf
der Päpste folgten.
Die Armen beschlugen ihre Ochsen mit Eisen,
spannten sie vor zweirädrige Karren, luden daruaf ihre winzigen
Vorräte und kleinen Kinder und zogen sie so hinter sich her. Sobald die
Kleinen eine Burg oder ein Stadt sahen, fragten sie, ob das Jerusalem sei
... Guibert von Nogent, Die Kreuzzüge,
S.15
- es wurde gemetzelt und gemordet Milger beschreibt es
anhand der Dokumente unverblümt so daß man beim Lesen
losbrüllen möchte; Kindern und Jugendlichen mit zarter Natur kann man
dies Buch nicht empfehlen; deshalb bringe ich hier auch keine Zitate aus dem
Buch zum Gemetzel in Ungarn 1096, zur Eroberung Antiochias 1098, zum Massaker
von Jerusalem 1099, usw.; ein paar, eher harmlose Zitate findet man unter
Urban II. und
Bernhard von
Clairvaux.
- dreihundert Jahre lang war das Christentum die
Terrororganisation Europas und Vorderasiens (anschliessend terrorisierte
die Inquisition die
Bevölkerung Europas).
Trotz der guten Aufbereitung des Materials, die Vergleiche
unterschiedlicher Chronisten erlaubt, die auf die Beschönigungen durch
Klerus und Geschichtswissenschaft verweist, gibt es doch einiges auszusetzen:
- Das Material wird zwar im wesentlichen chronologisch
dargeboten, doch man verliert sich darin, weiß nicht, wo man steht (der
wievielte Kreuzzug wird gerade behandelt?), da eine Kapitelnummerierung fehlt
und auf den Seiten kein Kapitelhinweis vermerkt ist.
- Das Buch ist mit wunderschönen Miniaturen und Farbfotos
ausgestattet. Die Ereignisse selbst werden auf den Miniaturen dargestellt,
diese stammen aus den unmittelbar folgenden Jahrhunderten, so bis 1500. Sie
gaukeln schöne Unternehmungen vor und stehen konträr zum
blutdurchtränkten Geschehen und Text.
Trotz der Einwände ist Die Kreuzzüge. Krieg im
Namen Gottes sehr empfehlenswert für alle, die kompetent über
diese Jahrhunderte mitdiskutieren wollen. |