Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Sándor Márai Sandor Marai Die Glut
Sándor Márai. Die Glut. Roman
[A gyerták csonkig égnek] Christina Viragh, Übs. München: Piper, 1999 [1942]. 223 Seiten
Bis vor kurzem stand Márai in kaum einem Lexikon. Im KLL sind immerhin Verzauberung in Ithaka und Geständnisse eines Bürgers (inzwischen unter Bekenntnisse eines Bürgers neu aufgelegt) von ihm. 1998 wurde er wiederentdeckt und gleich zum Bestseller hochgejubelt. Er ist ein typischer Intellektueller aus der zu Ende gehenden Donaumonarchie. In Kaschau, damals Ungarn, später Tschechoslowakei, jetzt Slowakei, wurde Sándor Márai 1900 geboren. Márai verläßt seine Heimatstadt und geht nach Deutschland, 1923 als Journalist nach Paris (schlag nach bei roth Joseph Roth). Wieder zurück nach Ungarn verläss Márai 1948 endgültig seine Heimat, in einigem Wechsel zwischen Italien und den USA. 1989, als 89-jähriger nimmt er sich in San Diego vereinsamt das Leben, genau 41 Jahre nach dem endgültigen Verlassen Ungarns.
Ich hörte Die Glut als fesselndes Hörspiel, nach der sensationellen Wiederentdeckung des Autors erschienen weitere vergessen geglaubte Werke von ihm. In den Newsgroups kam er jedoch schlecht weg: "ein richtiger Schmarren", "wird allgemein reichlich überschätzt", "inhaltlich Schwulst". Ich mußte mir selbst einen Eindruck verschaffen, also: lesen.
Der Roman Die Glut (Erstausgabe in ungarisch 1942) spielt am 14. August 1940 und behandelt in einer Rückschau die Ereignisse vor 41 Jahren. Henrik, der 75-jährige General, versucht zusammen mit seinem Besucher Konrád, die Frage zu klären, wie es zu den Geschehnissen – die er vermeint schon lange zu kennen – vor 41 Jahren kommen konnte. Vorm Kaminfeuer, in einem feudalen Herrschaftssitz, mit exklusivem Ambiente, während draussen der Sturm tobt und Blitze zucken, sitzen Henrik und Konrád nun. Dies ist die typische Konstellation um die Weltvergessenheit, die Rückwärtsgewandtheit des Adels zu zeigen, während draussen die Welt der Donaumonarchie in Trümmern geht [Marai Standardwitz]. In einem Gespräch, das aber ein großer Monolog Henriks wird, versucht Henrik Antworten zu finden.
Henrik und Konrád sind, wenn auch nicht verwandt, doch das grosse Brüderpaar der Literatur: Kain und Abel (bibel Die Bibel), Thomas und Christian (thomas mann Buddenbrooks), Aron und Caleb (East of Eden). Henrik: reich aus bestem Hause, mit vorgezeichneter Militärlaufbahn (im Roman wird er, wenn nicht als General, so als Sohn des Gardeoffiziers bezeichnet); Konrád: arm, aus Galizien stammend, das Militär verabscheuend. Konráds Leidenschaft für die Musik wird als Jugendsünde und Schwäche geduldet. "Ein jeder hat ja seine Schwächen. Der eine züchtet Hunde, koste es, was es wolle, der andere ist aufs Reiten versessen. Immer noch besser als das Kartenspiel, dachte man. Ungefährlicher als die Frauen, dachte man" (49). Während für Henrik Zigeunermusik, Wiener Walzer oder Marsch zum Fest oder Marschieren taugt, bietet die Musik Konrád geheimen Unterschlupf. "Er hörte mit dem ganzen Körper Musik, so begierig wie der Verurteilte in seiner Zelle, der auf den Klang ferner, vielleicht Befreiung bedeutender Schritte horcht" (50-51).
Der Roman wirft die Frage nach dem Lebensplan auf. Als alte Männer versuchen Henrik, Konrád und der Autor nachzuspüren, wo sie Weichen falsch oder richtig gestellt haben. Die Männerfreundschaft wird reichlich überhöht und beweihräuchert: "Ein Gefühl, das nur die Männer kennen: Freundschaft ist sein Name" (65) und grenzt schon an Frauenverachtung: "Denn zwischen einer Frau und einem Mann hat alles seine Bedingung, wie bei einem Handel auf dem Markt" (139).
In seinem überlangen Monolog versucht Henrik auch die Frage zu klären, wo die Schuld beginnt, wo sie liegt. Vergleiche dazu Leonhard Franks Leonhard Frank Die Ursache. Meist hat Henrik – hier echter Militär – die Antworten schon parat. "Man macht sich nicht mit dem schuldig, was man tut, sondern mit der Absicht, die hinter diesem Tun steckt. In der Absicht ist alles" (113). Durch diese Vorweg-Antworten bleibt dem General vieles unverständlich oder er begreift zu spät; so zum Beispiel im gemeinsam geführten Tagebuch die Eintragungen seiner Frau Krisztina (163). "Als ich das begriffen habe, war es schon zu spät" (198). Das wirft für den Leser die Frage auf, ob die Beschuldigungen und Vermutungen Henriks (so nahe und glaubwürdig sie dem Leser gebracht werden) auf Tatsachen beruhen. Márai legt schon von Beginn an Spuren des Zweifels. In der Eingangsszene zählt der General auf den Tag genau zurück vor 41 Jahren, zählt genau die Schritte im großen Raum: es sind 17 und 18. "Genau abgezählte Schritte" (9). Auf seinem Stehpult liegen die Hefte "millimetergenau aufeinandergestapelt" (7). Trotzdem wird vom General im selben Abschnitt ausgesagt: "er dachte nur noch in Jahrzehnten, genaue Zahlen mochte er nicht" (8). Auch später wird der Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Generals immer wieder verstärkt. Spricht er doch vom Haß von Anfang an. "Du hast mich schon als Kind gehaßt, vom ersten Augenblick an, da wir uns kennenlernten" (135), trotzdem spricht er weiter von der übergroßen Männerfreundschaft zwischen ihnen, die erst durch "das böse, unverständliche Geheimnis, das unsere Freundschaft vergiftete" (142) zerstört wird.
Konrád antwortet auf Henriks lange Monologe kaum. Auf dessen ungeheuerlichen Vorwürfe zündete sich der Gast ein Zigarre an und "seine Hände zittern nicht" (152), obwohl er vor Empörung beben müßte.
So bleiben in meiner Interpreation die Fragen offen. "Die wichtigsten Fragen beantwortet man letztlich immer mit seinem ganzen Leben. ... Am Ende, am Ende von allem, beantwortet man mit den Tatsachen seines Lebens die Fragen, die einem die Welt so hartnäckig gestellt hat" (121).
Henrik wartete 41 Jahre bis Konrád freiwillig ihn besuchte, er sprach acht Jahre nicht mit seiner Frau, er las nicht das gemeinsam geführte Tagebuch. Dies sind wichtige Indizien, die zeigen,
  • daß Henrik sich seiner Sache absolut sicher war. Bei Zweifeln hätte er Krisztina nicht so behandeln dürfen (was nicht heißt, daß diese Gefühlskälte gegenüber der eigenen Frau berechtigt gewesen wäre) und beim geringsten Zweifel hätte er mal im Tagebuch nachlesen müssen.
  • daß Henrik seine Rache aufschob und sie 41 Jahre als Glut glimmen ließ und dann, bei Konrads Ankunft, sie erneut entfachte und seine Rache zelebrierte.
Henrik inszeniert eine letzte Jagd; siehe Schluß von Kapitel 8, als sich Konrád dem Schloß nähert: "Er folgte dem sich rasch bewegenden Zielpunkt mit ausdruckslosem Gesicht, reglos, und er kniff ein Auge zu wie ein Jäger, der angelegt hat" (68). Das Opfer zittert die ganze Nacht nicht, weicht nicht aus, hört geduldig zu und diesmal verzichtet Henrik auf den finalen Schuß.
Márai schafft von Anfang an eine dichte durchgängige Atmosphäre. Mit jedem Kapitel knistert es mehr in der Glut. Das gelingt dem Autor durch
  • treffende Andeutungen etwa in der Mitte jeden Kapitels. Ein besonders auffallendes Beispiel: Henrik steht zum ersten mal im Zimmer seines Freundes und beschreibt: "Es war eigentlich gar kein Diwan, sondern eher ein französisches Bett, für zwei Personen" (118).
  • Andeutungen am Ende jeden Kapitels. Henriks Vater urteilte über Konrád, daß aus ihm kein richtiger Soldat wird: weil "“er eine andere Art Mensch ist.” Der Vater war nicht mehr am Leben, es waren viele Jahre vergangen, als der General diesen Satz verstand." (53)
Die Sprache Márais spricht alle Sinne an und ist dem Geschehen voll angemessen. Der Roman verliert etwas an Fahrt und Prägnanz, da Henrik von Kapitel 14 (S. 132) bis Ende Kapitel 17 (S. 204) schier endlos monologisiert und dabei zuviele philosophische Fragen stellt. Dies hätte Marái unbedingt kürzen müssen.
Hier kann der Leser ohne Verlust kursorisch lesen. Ansonsten: spannend und lesenswert.
Ja, und ganz zum Schluß:
Die Glut glühte weiter. Die langen Monologe beschäftigten mich. Denn eigentlich wollte Henrik, 41 Jahre auf das Zusammentreffen wartend, mit Konrád einen Dialog führen. Doch seine Monologe zeigen seine Unsicherheit, während Konrád offensichtlich cool bleibt. Konrád merkt, daß Henrik garnicht an der Wahrheit interessiert ist. Henrik möchte seine Auffassung bestätigt bekommen und sei es auch nur von sich selbst. Denn wäre seine Interpretation der Dinge (wie so oft) nicht richtig, hätte sein Leben als Antwort: vertan.
Am Ende des Romans gibt es – in einer eher Handlung ohne Liebe – eine Kuss. Jedoch zwischen Henrik und seiner ihm ein Leben lang ergebener Amme Nini. Und noch im letzten Satz schwülst Márai kräftig: "Aber wie jeder Kuß ist auch dieser eine Antwort, eine unbeholfene, zärtliche Antwort auf eine Frage, die nicht in Worte zu fassen ist." Tsa, tsa, tsa: eine Antwort auf keine Frage!?? Doch nochmals: spannend und lesenswert.
Erst später las ich stifter Adalbert Stifters Brigitta und fand erstaunliche Parallelen.
Standardwitz zur untergehenden Donaumonarchie
Der uralte Baron P. sitzt vorm Fernseher, den er nur noch schlecht erkennt. Es läuft ein Fußballspiel.
“Johann, wer spielt denn da?” – “Österreich, Ungarn, mein Herr.” – “Eh klar, aber gegen wen?”
Leonhard Frank weiter im Text
Leonhard Frank Zitate von Sándor Márai
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
sandor marai München: Piper, 2000. Gebunden - 223 Seiten Knapp sandor marai
sandor maraiMünchen: Piper, 2001. Taschenbuch - 223 Seiten
sandor marai sandor maraiMünchen: Piper, 2002. Taschenbuch - 224 Seiten  

Sándor Márai Sandor Marai Die Glut
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.5.2003