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Robert Menasse
Robert Menasse. Die Vertreibung aus der Hölle
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001. 492 Seiten. Menasse, Robert 21.06.1954
Die Vertreibung aus der Hölle wurde in verschiedenen TV-Literaturmagazinen kontrovers besprochen. Der Roman versucht in einem geschichtlichen Spagat die unruhige Zeit der Inquisition, der auch viele Juden zum Opfer fielen, mit der Nazi-Vergangenheit Österreichs zu verbinden. Da laut Klappentext die heutige Hauptperson Viktor Abravanel beim Spinoza-Kongreß einen Vortrag zu "Wer war Spinozas Lehrer?" hält, war meine Neugier genügend geweckt.
Vorab: mich enttäuschte die Lektüre; zahlreiche geweckten Erwartungen gingen leer aus. Das mag zum Teil an den Erwartungen und mir liegen.
Nach einer eindrucksvollen Inquisitionsszene in Portugal, 17. Jahrhundert, spielt die zweite Szene auf einem Maturajubiläum in der Neuzeit. Der Ex-Schüler Viktor Abravanel frägt die erschienenen Lehrer frank und frei nach ihrer Nazi-Vergangenheit. Die Jubiläumsfeier platzt eindrucksvoll und nur Viktor und seine frühere Studentenflamme Hildegund verbleiben. Der Romananfang verspricht vieles.
Nun versucht der Autor durch ständigen Wechsel zwischen der iberischen Halbinsel, der Neuzeit (die in weiteren Rückblenden erschlossen wird), dann wieder Amsterdam, wohin die jüdische Portugiesenfamilie flüchten mußte, einen Bezug zwischen der Judenverfolgung unter der katholischen Inquisition und der Nazi-Herrschaft herzustellen. Es gelingt ihm nur sehr bedingt. Durch Intoleranz kann die Heimat zur Hölle werden. "Er war zwar zu Hause, aber da lodert etwas auf, und plötzlich ist es die Hölle" (55). Während bei der Inquisition die Juden flüchten mußten, tun dies beim Maturajubiläum die Ex-Nazis. Ein Fortschritt in der Geschichte? Wohl kaum. Viktors Großvater wird im Krematorium bestattet und der kleine Junge frägt seinen Vater: "Papa! Hör mal! Wie kann man zulassen, nach allem was passiert ist, von den Scheiterhaufen der Inquisition bis zu den Verbrennungsöfen von Auschwitz, daß ein Jude –" Wirst du still sein!" "– verbrennt wird." Ganz abgesehen davon, daß hier natürlich ein Fragezeichen an den Schluß des Satzes muß, ist die Frage schwer daneben. Ab Seite 400 wird der Roman nochmals träger, der Autor häuft Fragen (s.400-401), statt diese den Leser stellen zu lassen und sie durch den Text und die beim Leserangeregte Fanatasie zu beantworten. Die interessanten Fragen von S.447 "Wie viele Generationen tilgen die Geschichte? Wie viele Jahrzehnte machen Schuldige unschuldig?" versucht der Roman nicht einmal zu beantworten. Die beim Maturajubiläum bei mir geweckte Neugier bezüglich der Nazi-Vergangenheit der Lehrergeneration wird nie mehr thematisiert. Kurz vor Schluß (S.480) treffen Viktor und Hildegung in der "Eden-Bar" wieder auf Lehrer. Trotz vorausgegangenen Eklat trinken sie gemeinsam Sekt und diskutieren über die Ziffern der NSDAP-Mitgliedsnummer! Soll das Ironie sein? Bei mir kam es so nicht an.
Und Baruch Spinoza (vom Klappentext)? Er tritt erst auf Seite 443 ins Geschehen ein.
Und das Inhaltsverzeichnis am Ende des Buches ohne Seitenangabe? Im Text keinerlei Kapiteleinteilung!
Enttäuschend; zwar nicht langweilig, aber auch nicht empfehlenswert.
Der Protagonist im 17. Jahrhundert hat einen geschichtlichen Hintergrund. Menasse ben Israel, war Rabbi von Amsterdam, schrieb zahlreiche Bücher und ist wohl mit dem Autor verwandt. Er und Ephraim Bueno, ein jüdischer portugiesischer Arzt wurden von Rembrandt (RembrandtAmsterdam - Jewish Area - Rembrandt House) porträtiert (bueno Zitat von Ephraim Bueno).
Die Werke Menasseh Ben Israels sind Menasseh Ben Israelkatalogisiert.
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robert menasse Robert Menasse. Die Vertreibung aus der Hölle. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001. 492 Seiten
Zur Inquisition ist als Lektüre zu empfehlen: dirnbeck Josef Dirnbeck. Die Inquisition. Eine Chronik des Schreckens.
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