Der afghanische Dastagir zieht mir seinem
Enkelkind Yassin zur Bergwerksmine, wo sein Sohn Murad arbeitet. Seine
traurige Pflicht ist es, diesem die völlige
Auslöschung des Heimatdorfes und seiner Familie durch die
russische Armee mitzuteilen. Ein trauriges Buch, das den Krieg beweint
ohne daß Kriegshandlungen stattfinden.
Die mühsame Reise
des Paars wird melancholisch beschrieben. Durch einen stilistischen
Trick wird ein seltsamer Schleier über die Erzählung
gelegt. Alles wird so beschrieben, als ob der Autor dem Dastagir eine
mögliche Reise zu seinem Sohn aufzeigen würde. Eine
Prophezeiung, eine Warnung? Nicht klar wurde mir, wer den Dastagir mit
"du" anredet. Eine Bekannte sagte mir, daß es
Sprachen in Vorderasien gibt, die kein Wort für "ich" haben.
Das wurde durch eine Nachricht der Übersetzerin berichtigt.
"Im
Persischen wie im Dari gibt es
selbstverständlich ein Personalpronomen der ersten Person
(=man)! Die Betonung des Du ergab sich aus der Vorlage, war aber auch
stilistisch bedingt. Im Dari wie im Persischen wird das
Personalpronomen im Satz nicht eigens erwähnt, z.B. Ziehst
deine Büchse mit Naswar heraus, setzt dich in den Schatten
usw. Was im Dari mühelos und fließend klingt
(miravi, mineshini usw.), würde im Deutschen in der
Wiederholung abgehackt wirken. Auch sonst war Rahimis wunderbar
rhythmische und lyrische Prosa leider oft aus rein sprachlichen
Gründen kaum adäquat zu übersetzen, obwohl
es mir doch in vielen Fällen gelungen ist. Daran zeigen sich
bei aller Liebe zur Sprache erneut die Grenzen jeder
Übertragung. Susanne
Baghestani, 11 Aug 2002 | Der Schleier wird realistisch
durch den allgegenwärtigen Staub verstärkt.
Ein doppelte Brechung
erfährt die Erzählung, da sich Dastagir in den
kleinen Jungen Yassin versetzen soll. Dieser hat durch die heftigen
Bombardierung des Dorfes sein Gehör verloren, glaubt aber, die
Russen hätten allen anderen die Stimmen und Töne
genommen. Ein bekanntes Phänomen der Wissenschaft: die
Beobachtungsdaten lassen mehrere Deutungen = Theorien zu. "Töricht,
dir zu sagen, dass du taub geworden bist! Du hörst es weder,
noch verstehst du es. Kannst dir nicht vorstellen, dass du es bist, der
nichts mehr hört. Denkst, es seine die anderen, die verstummt
sind. Die Männer haben keine Stimmen mehr, der Stein hat keine
Stimme mehr. Die Welt ist verstummt. Aber weshalb bewegen die Menschen
dann unnötig ihre Münder?" (S.19) Im ersten Teil der
Erzählung (Roman?) warten die beiden auf eine Fahrgelegenheit,
da der Fußmarsch in Sand und Hitze zu beschwerlich ist. Dann
werden sie zur Mine mitgenommen. Während der erste Teil an
Kafkas Schloß erinnert, gibt Rahimi dann
noch eine überraschende Wendung. Die zwei Stunden für die
Lektüre lohnen sich, auch wenn der Stil
mich nicht überzeugte. |