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Atiq Rahimi. Erde und Asche
Rahimi, Atiq. Erde und Asche
[Chakestar o Chak]. Aus dem afghanischen Persisch von Susanne Baghestani. München: Claassen, 2001. 100 Seiten
Der afghanische Dastagir zieht mir seinem Enkelkind Yassin zur Bergwerksmine, wo sein Sohn Murad arbeitet. Seine traurige Pflicht ist es, diesem die völlige Auslöschung des Heimatdorfes und seiner Familie durch die russische Armee mitzuteilen. Ein trauriges Buch, das den Krieg beweint ohne daß Kriegshandlungen stattfinden.
atiq rahimi Die mühsame Reise des Paars wird melancholisch beschrieben. Durch einen stilistischen Trick wird ein seltsamer Schleier über die Erzählung gelegt. Alles wird so beschrieben, als ob der Autor dem Dastagir eine mögliche Reise zu seinem Sohn aufzeigen würde. Eine Prophezeiung, eine Warnung? Nicht klar wurde mir, wer den Dastagir mit "du" anredet.
Eine Bekannte sagte mir, daß es Sprachen in Vorderasien gibt, die kein Wort für "ich" haben. Das wurde durch eine Nachricht der Übersetzerin berichtigt.
"Im Persischen wie im Dari gibt es selbstverständlich ein Personalpronomen der ersten Person (=man)! Die Betonung des Du ergab sich aus der Vorlage, war aber auch stilistisch bedingt. Im Dari wie im Persischen wird das Personalpronomen im Satz nicht eigens erwähnt, z.B. Ziehst deine Büchse mit Naswar heraus, setzt dich in den Schatten usw. Was im Dari mühelos und fließend klingt (miravi, mineshini usw.), würde im Deutschen in der Wiederholung abgehackt wirken. Auch sonst war Rahimis wunderbar rhythmische und lyrische Prosa leider oft aus rein sprachlichen Gründen kaum adäquat zu übersetzen, obwohl es mir doch in vielen Fällen gelungen ist. Daran zeigen sich bei aller Liebe zur Sprache erneut die Grenzen jeder Übertragung.
Susanne Baghestani, 11 Aug 2002
rahimi Der Schleier wird realistisch durch den allgegenwärtigen Staub verstärkt.
rahimi Ein doppelte Brechung erfährt die Erzählung, da sich Dastagir in den kleinen Jungen Yassin versetzen soll. Dieser hat durch die heftigen Bombardierung des Dorfes sein Gehör verloren, glaubt aber, die Russen hätten allen anderen die Stimmen und Töne genommen. Ein bekanntes Phänomen der Wissenschaft: die Beobachtungsdaten lassen mehrere Deutungen = Theorien zu.
"Töricht, dir zu sagen, dass du taub geworden bist! Du hörst es weder, noch verstehst du es. Kannst dir nicht vorstellen, dass du es bist, der nichts mehr hört. Denkst, es seine die anderen, die verstummt sind. Die Männer haben keine Stimmen mehr, der Stein hat keine Stimme mehr. Die Welt ist verstummt. Aber weshalb bewegen die Menschen dann unnötig ihre Münder?" (S.19)
atiq rahimi Im ersten Teil der Erzählung (Roman?) warten die beiden auf eine Fahrgelegenheit, da der Fußmarsch in Sand und Hitze zu beschwerlich ist. Dann werden sie zur Mine mitgenommen. Während der erste Teil an Kafkas Schloß erinnert, gibt Rahimi dann noch eine überraschende Wendung.
Die zwei Stunden für die Lektüre lohnen sich, auch wenn der Stil mich nicht überzeugte.
Verfilmung
»Erde und Asche!« (Terre et Cendres/Khâkestar-o-khâk), Afghanistan/Frankreich 2005, Regie: Atiq Rahimi, 97 min; vielfach ausgezeichnet.
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Atiq Rahimi: Erde und Asche. Susanne Baghestani, Übs. München: Claassen, 2002. Gebunden, 104 SeitenAtiq Rahimi rahimi

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 30.7..2007