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Nuruddin Farah
Nuruddin Farah. Sardines
Saint Paul, Minnesota: Graywolf , 1992. 263 Seiten. – BuchLinksTrilogieZitate
Mogadischu, Hauptstadt und Wirtschaftszentrum von Somalia, an der Küste des Indischen Ozeans, eine Million Einwohner, ist der Schauplatz des Romans Sardines. Dabei tritt die Stadt überhaupt nicht in Erscheinung umso mehr der politische Raum der Diktatorschaft.
Somalia wird im Roman vom "General", einen Diktator, beherrscht. Er kontrolliert die Medien und verteilt Gelder und Posten. Leute verschwinden oder werden getötet, abweichende Meinung wird unterdrückt.
Die handelnden Personen des Romans bilden ein Netzwerk der Oberschicht; teilweise in Europa ausgebildet oder aus USA zugezogen, arrangieren sie sich oder planen Protest und Widerstand. Jeder muß die Frage beantworten: Wie halte ich es mit dieser politischen Situation? Wie halte ich sie aus? Ähnliche Fragen müssen auch die Frauen im Roman beantworten. Wie halte ich es mit der traditionellen, (afrikanischen, muslimischen) Rolle der Frau? Der Roman startet mit einer deutlichen Huldigung an Virginia Woolfs A Room of One's Own. Im Verlaufe der Handlung merkte ich, daß ich meine Vorstellung vom Leben in einer Diktatur revidieren mußte. Es herrscht eine eigentümliche Atmosphäre des Mißtrauens, der Bespitzelung und Intrigen vor. Nicht alles ist verboten (obwohl es sogar heißt: "You must be careful. In this country, thinking wicked things about the General is criminal" [30] und kurz darauf: "Do you know why he was punished so severely? Your uncle said the General wasn't God. That earned him a life sentence" [30-31].) oder wird mit dem politischen Tod bestraft: Der "General" will gegenüber dem Ausland möglichst das Gesicht wahren. Stimmt dies, so gibt es aber auch den politischen Partnern und Gegenspielern auf der Weltbühne eine gewisse Einflußmöglichkeit, die so selten wahrgenommen wird. Meist kennen Politiker nur Umarmung, wirtschaftliche Ausbeutung oder Bombardement. In Sardines ist die Weltöffentlichkeit abwesend.
Der deutsche Titel trifft ein weiteres Anliegen des Autors: das Verhältnis der Mutter zur Tochter. Wie wird aus der behüteten Tochter eine selbständige Frau? Die Konstellation gibt es im Roman mehrfach (auch Mutter – Sohn), so daß es Farah gelingt, diesen Konflikt variantenreich zu beleuchten. Der englische Titel Sardines ließ mich zunächst an Cannery Road und John Steinbeck denken. Davon keine Spur. Aber auch sonst entging mir, worauf der Titel abzielt. Sardines ist ja eher ein Kammerspiel auf hoher politischen Ebene, keine Assoziation an zusammengepferchte Sardinen.
Stilistisch empfand ich Sardines als etwas holprig, wenn auch Farah reichlich über lyrische Formulierung verfügt. Doch der Satzbau erschien mir nicht so flüssig wie bei einem native speaker. Viele Kapitel schließen mit einem essayistischen Absatz, teils belehrend, teils mit Fragen durchsetzt. Ich empfand diese als überflüssig.
Die Personen bleiben schemenhaft, da Farah kaum ihr Äußeres, aber auch nicht ihr Inneres beschreibt.
Insgesamt bleibt mir der Roman zu sehr in der Oberschicht verhaftet. Diese ist – wenn auch der afrikanische Autor Chinua Achebe gelesen wird – von westlicher Kultur geprägt (Virginia Woolf, John Coltrane, Ann Sexton, Flann O'Brien, William Yeats, u.v.a.). Es ist, als wolle man die Verhältnisse in München schildern und würde über Uschi Glas (Interview mit Uschi Glas), Mooshammer (oder wie heißt er gleich?) und ihre Clans berichten. Das wäre eventuell aufschlußreich, träfe aber nicht die Situation der Bevölkerung. Da hätte ich mehr lesen wollen zum Satz: "The year's harvest was smaller than a barber's daily crop of hair" (138). Die intellektuelle, in Sardines sogar begüterte Elite hat immer die Möglichkeit zum Exil, wenn sie die Gefahr rechtzeitig erkennt: "All men worth falling in love with either live in exile or are in prison" (34).
Medina, die weibliche Hauptperson meint: "Good writing is like a bomb: it explodes in the face of the reader" (224). Sardines ist keine Bombe, die sofort explodiert; vielleicht eine Zeitbombe, die erst beim Zweitlesen wirksam wird. Lesenswert für alle, die die angeführten Problematiken interessieren.
Der Roman Sardines bzw. Tochter Frau ist Mittelteil einer Trilogie:
Variations on the Theme of an African Dictatorship
(erschienen 1979 bis 1983)
Variationen über das Thema einer afrikanischen Diktatur
  • Sweet and Sour Milk
  • Sardines
  • Close Sesame
  • Bruder Zwilling
  • Tochter Frau
  • Vater Mensch
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blablaNuruddin Farah. Sardines. Saint Paul, Minnesota: Graywolf, 1992. 263 Seiten
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Nuruddin Farah. Tochter Frau. München: Frederking/Thaler, 2001. Gebunden, 316 SeitenNuruddin Farah
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