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Christoph Hein fremde Freund Drachenblut
Christoph Hein: Drachenblut (Der fremde Freund)
Darmstadt: Luchterhand, 1985. 175 Seiten – hein Autor und Linkshein Literatur
Die Novelle Der fremde Freund kam wegen Titelschutzes in der BRD unter dem Titel Drachenblut heraus.
Das gute an der Novelle zuerst: der Inhalt behagte mir nicht, der Stil gefiel mir nicht und trotzdem las ich die Novelle Drachenblut in zwei Sitzungen mit steigender Nervosität.
Nach einleitender Traumsequenz (kursiv gesetzt; erschließt sich wohl erst nach der Lektüre) treffen wir Leser sofort auf die Ich-Erzählerin, Ärztin in einer Klinik. Wenn ich nichts überlesen habe, erfuhr ich auf Seite 64, daß sie Claudia heißt und auf Seite 134, daß sie 39 Jahre alt ist. Mit der Ärztin ist einiges merkwürdig bis bizarr.
"Noch am Morgen der Beerdigung war ich unschlüssig, ob ich hingehen sollte", so steigt die Novelle ins Geschehen ein. Merkwürdig, denn sehr bald wird klar, daß ihre einjährige Beziehung Henry beerdigt wird. Merkwürdig, wie sie Henry kennenlernt. Er wohnt im selben Mietshaus, in dem sich fast alle Parteien nicht kennen. Am Fahrstuhl wartend kommt der Herr mit Filzhut. Bizarr: "Am Abend erschien Henry bei mir" (24) Sie macht ihm klar, daß es spät sei. Dann geht er, wie einer von Max Frischs Brandstifter, in die Wohnung und läßt nicht mehr locker. Klar, daß die beiden im Bett landen. Aber so wie Hein den Abend schildert ist es sonderbar bis unglaubwürdig. Er verzerrt und übersteigert.
So auch bei anderen Figuren. Alle sind mehrfach geschieden oder haben kaputte Ehen; die Frauen sind meist doof.
"Erzähl was, forderte sie mich auf, erzähl einen Witz oder irgend etwas anderes.
Ja, erzähl ihr einen Witz, meinte Fred freundlich, und erklär ihn ihr anschließend" (65).
Viele saufen, die meisten sind einsam; doch allen geht es gut. Zumindest betonen sie es immer wieder, besonders aber Claudia. Dabei hat sie Angst vor Bekanntschaften, so manisch, daß sie nur Landschaften fotografiert, nur keine Menschen. Claudia ist unselbständig, obwohl sie alleine lebt: die Eingangszene mit dem Mantel bei der Beerdigung, gibt den ersten Hinweis. Sie läßt Henry ins Zimmer (24), obwohl sie müde ist, sie läßt ihn betrunken autofahren (31), obwohl sie das nicht will. Sie besucht lustlos ihre Eltern.
Claudia ist interesselos bis lethargisch: "Inzwischen stört es mich nicht mehr" (27), "Aber das interessierte mich nicht" (33). Diese kalte Eigenschaft teilt sie mit vielen Personen im Roman. Claudia hat außerdem Angst vor Gewohnheiten, was mit ihrer zweiten Manie zusammenhängt: nur keine Verpflichtung (33). Der Arztberuf passt dazu nicht. Wohl aber die kurzen Stakkatosätze, die auch die Erzählerin zu nichts verpflichten. "Im Cafe ist Anne ganz Dame. Frau Doktor trinkt ihren Kaffee. Der übliche Flirt mit dem Besitzer. Wenn er ihr die Hand auf die Schulter legen würde, bekäme sie vermutlich Schüttelfrost. Sie präsentierte ihr neues Kostüm, schwarz mit einem lila Schal. Ihr Mann hat es ihr gestern gekauft. Sie erzählte mir, daß es furchtbar teuer war, ihr Mann es aber anstandslos bezahlt habe" (13). Na ja, dafür wird "sie alle zwei Wochen einmal vergewaltigt" (13), vom eigenen Ehemann, wohlgemerkt. Oft beginnen die kurzen Sätze mit "ich".
Claudia besucht ihre Studienkollegin Charlotte Kramer, verheiratet, drei Kinder und es geht halbwegs "normal" zu; da holt Hein auch hier die Fremd-gehen-Keule: Charlotte hat ein Verhältnis mit einem Studenten, der alle sechs Wochen nach Berlin kommt (47). Nicht genug: ihr Mann Michael begleitet Claudia zum Taxi und will anbandeln.
Leitmotivisch behauptet Claudia: "Mir geht es gut", "Ich war zufrieden", "ich fühle mich gut". Schon beim zweiten Mal nimmt man ihr diese Behauptungen nicht mehr ab. Sie lebt in einer Gesellschaft ohne Kommunikation, ohne Anteilnahme (wenn man das erkannt hat, kann man den einleitenden Traum nachlesen): "keiner schuldet dem anderen etwas" (43); "Heute suche ich nicht mehr nach persönlichen Präsenten. Irgendeins tuts auch" (147).
Henry ist ein Widerling. Drei Belege genügen. Er baut einen Autounfall und begründet es damit, er habe zu spät beschleunigt, weil er an sie gedacht hätte (53). Männer sind gute Autofahrer und Henry insbesondere. Kurz danach flüchtet sie vor ihm, ist wütend und wird halb vergewaltigt (58). das Autofahren ist Henry so heilig, daß er Claudia dafür schlägt (131 ff).
Ganz am Ende der Novelle steigert sich Claudia zu zwei Glaubensbekenntnissen:
"Ich bin gewitzt, abgebrüht, ich durchschaue alles. Mich wird nichts mehr überraschen. Alle Katastrophen, die ich noch zu überstehen habe, werden mein Leben nicht durcheinanderwürfeln. Ich bin darauf vorbereitet. Ich habe genügend von dem, was man Lebenserfahrung nennt. Ich vermeide es, enttäuscht zu werden. Ich wittere schnell, wo es mir passieren könnte. Ich wittere es selbst dort, wo es mir nicht passieren könnte. Und ich wittere es dort so lange, bis es mir auch dort passieren könnte. Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts mehr verletzten. Ich bin unverletzlich geworden. Ich habe in Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. In meiner unverletzbaren Hülle werde ich krepieren an Sehnsucht ..." (172)
"Es geht mir gut... Mir geht es glänzend, ... Ich bin ausgeglichen... Alles was ich erreichen konnte, habe ich erreicht. ich wüßte nichts, was mir fehlt. ich habe es geschafft. Mir geht es gut." Stammt nicht aus Brave New World von Aldous Huxley; doch wer es alleine auf die DDR bezieht, springt zu kurz. In der Süddeutschen Zeitung erschien 1991 "Denk positiv!" von Peter Köhler, die jene "Mir geht's gut"-Mentalität auf die sarkastische Spitze treibt. [Kopie kann bei mir angefordert werden.] Im Gegensatz dazu ist Claudia überzeugt, daß es ihr gut geht, nicht weil sie stoisch auch Widerwärtigenkeiten des Lebens positiv zu nehmen versteht, sondern weil sie durch Erziehung, Propaganda und Umfeld irregeleitet ist. Sehr lesenswert, wenn auch verstörrend.
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Sekundärliteratur
Fischer, Bernd: "Drachenblut: Christoph Heins »Fremde Freundin«". Colloquia germanica 21 (1988): 46-57
Fischer, Bernd: "Christoph Hein: Der fremde Freund". In: Interpretationen. Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Band 2. Stuttgart: Reclam, 1996. S. 252-273
Freund-Spork, Walburga: "Jeder für sich. Christoph Hein: »Drachenblut« (1982)", in: Winfried Freund, Hg.: Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München: Fink, 1993. Uni-Tb 1753. S. 291-312.
Autor
Christoph Hein, * 1944 Heinzendorf (Schlesien), aufgewachsen in Döbeln (Sachsen). Als Pfarrerssohn konnte er in der DDR nicht das Abitur ablegen; deshalb Besuch eines Gymnasiums in West-Berlin. Nach dem Mauerbau Tätigkeiten in verschiedenen Berufen, Studium, Arbeit am Theater. Christoph Hein zahlreiche Romane, Novellen, Erzählungen, Theaterstücke, Essays und ein Kinderbuch veröffentlicht.
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Literatur
Fischer, Bernd (1996): "Christoph Hein. Der fremde Freund". In: O.Hg.: Erzählungen des 20.Jahrhunderts. Band 2. Interpretationen. Stuttgart: Reclam. S. 252-273.
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