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Joseph Freiherr von
Eichendorff: "Im Abendrot" 10.3. 1788 Schloss Lubowitz (bei Ratibor, heute: Racibórz) – 26.11. 1857 Neisse (Nysa) –
Gedichte-Wegweiser
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Zumindest ich
neige dazu, die Gedichte Eichendorffs zu schnell in die romantische
Wald- und Frühlingsecke zu stellen. Schwer gefehlt. Ist schon seine "Wünschelrute"
ein Gedicht (ist hier metaphorisch zu verstehen), so zeugen die vielen Vertonungen
von Eichendorff-Gedichten von deren andauernder Beliebtheit.
Als ich wieder einmal die "Vier Letzten Lieder" von Richard Strauss
hörte, sperrte ich die Ohren auf und war von "Im Abendrot" schockiert;
genauer von der letzten Zeile. |
| Interpretation Bis auf die Rehe und dem Monde sind alle Eichendorff Zutaten in "Im Abendrot": wandern, Vögel, Traum, Friede, Einsamkeit. Der Wald fehlt, aber er ist doch überall zu ahnen. Beim ersten Lesen wird man im stillen Land an einem wunderschönen Abend zu behaglichen Ausruhen angeleitet. Gerade will man vor lauter Wandermüdigkeit einschlafen, das Gedicht ist ja gleich aus, da setzt der Dichter kunstvoll eine kurze Pause – und dann schlägt der Blitz ein: "Ist das etwa der Tod?" Wir wurden also, leichtfertig, wie wir das Gedicht lasen, in ein trügersich friedfertiges Abendrotglühen eingeführt; dabei war es nur die Euphorie kurz vor dem Tode. Beim zweiten Lesen erhält alles, besonders gleich die erste Zeile "Wir sind durch Not und Freude" eine ganz andere Bedeutung. Der Erzähler (nehmen wir mal an, der aktivere männliche Teil des Paares spricht) blickt nicht auf einen Tag sondern auf zwei Leben zurück. In der zweiten Strophe steigen zwei Lerchen "nachträumend"; etwas ungewöhnlich für Vögel, so werden es im Vorgriff die beiden Seelen sein, die Eichendorff hier über ihr Leben träumen und emporsteigen läßt. Die sich ankündigende Schlafenszeit ist der ewige Schlaf auf den sich die beiden geruhevoll und zufrieden einstimmen. Auffallend ist (aber bei Eichendorff wohl zu erwarten), daß die beiden den Tod nicht im dunklen Kämmerlein erwarten, sondern mitten in herrlicher Natur mit Berg und Tal. Grandios, daß sich in Zeile 5 die Täler (Mehrzahl!) neigen und zwar ringsum, so daß man das Paar auf einer Bergkuppe, dem Himmel schon sehr nahe, vermuten darf. Die Natur nimmt nicht viel Notiz, die Lerchen steigen weiter und die beiden wollen nicht darüber trauern. Friedvoll erwarten sie in einem letzten Abschied den Tod. Und damit sind "Im Abendrot" auch noch die beiden letzten fehlenden Eichendorff Ingredienzen (die ich oben zwecks Erhaltung der Spannung unterschlagen hatte): Abschied und Sehnsucht. Anmerkung: immer wird betont, daß Richard Strauß in der letzten Zeile aus dem "das" ein "dies" machte. Mir scheint der Unterschied nicht so gewaltig. Für Eichendorff ist der Mensch Teil der Natur, kein Kontrahent. Das, was die beiden an Stimmung inmitten der Natur erleben, ist die friedvolle Abendrotstimmung als der sich ankündigende Tod. Was sonst hätte der Dichter mit "das" meinen können, wenn nicht "dies"? |