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Joseph Freiherr von Eichendorff
Joseph Freiherr von Eichendorff: "Verschwiegene Liebe" ["Gedanken sind frei"]
10.3. 1788 Schloss Lubowitz (bei Ratibor, heute: Racibórz) – 26.11. 1857 Neisse (Nysa) – Eichendorff Gedichte-Wegweiser
Verschwiegene Liebe
Über Wipfel und Saaten
In den Glanz hinein –
Wer mag sie erraten,
Wer holte sie ein?
Gedanken sich wiegen,
Die Nacht ist verschwiegen,
Gedanken sind frei.

Errät' es nur eine,
Wer an sie gedacht,
Beim Rauschen der Haine,
Wenn niemand mehr wacht,
Als die Wolken, die fliegen –
Mein Lieb ist verschwiegen
Und schön wie die Nacht.
eichendorff
Interpretation
Was mit den ersten beiden Zeilen als Naturgedicht beginnt, erhält in den beiden folgenden Zeilen einen geheimnisvollen Dreh. Soll man das "sie" auf "die Liebe" der Gedichtüberschrift beziehen? Passt nicht ganz, denn man holt eine verschwiegene Liebe nicht ein. In Zeile fünf folgt die Teilauflösung: der Erzähler spricht von den Gedanken des Liebenden.
In der zweiten Strophe erfahren wir noch, daß die verschwiegene Liebe einer "sie" gilt und der Liebende seine tröstlichen Überlegungen selbst anstellt. Er spricht in der vorletzten Zeile von "mein Lieb". Unklar ist, ob mit "mein Lieb" a) die Liebe als abstrakter Begriff oder b) die Geliebte als das Ziel seiner Liebe gemeint ist. Ich meine, für beide Lesarten lassen sich Gründe aufführen. Für a): nur seine persönliche Liebe ist verschwiegen; der Sprecher will uns wohl kaum sagen, daß er eine Schweigsame liebt. Für b) kann die letzte Zeile in die Waagschale geworfen werden. Nur die Angebetete ist schön wie die Nacht, die Liebe als Abstraktum wohl kaum. Man kann entgegen, daß ihm die Liebe selbst schön vorkommen kann. Zumal das gesamte Gedicht ja auch als Trost an heimliche Liebende gelesen werden kann.
Anhand des zentralen Satzes "Gedanken sind frei" darf man vermuten, daß es sich um eine unerwiderte Liebe handelt. Allerdings kennt sie ihn, sonst könnte er kaum hoffen, daß sie seine übertragenen Gedanken erraten könne. In einer Karikatur (Jahre ist es her) sitzt ein pickeliger Fünfzehnjähriger an seinem Schreibtisch und formuliert den beginn seines Liebesgedichts: "Liebe Madonna, wahrscheinlich kennst du mich nicht ..." Ganz so heimlich und verschwiegen ist die Liebe in Eichendorffs wunderbarem Gedicht nicht.
Noch zwei zeitliche Hinweise: die Gedankenübertragung scheint spät in einer Frühlingsnacht stattzufinden. Die Saaten der ersten Zeile werden im Frühjahr ausgebracht; nur spät in der Nacht ist niemand mehr wach (und wacht).
Wir haben zwar mit "Verschwiegene Liebe" noch ein Liebesgedicht, es kann aber auch als Hymne gegen Tyrannis und Zensur durchgehen: "Gedanken sind frei". Mag der Staat mit seinen Geheimdiensten, seien es Mossa, Gestapo, MAD, CIA, Stasi, BfV, BND, KGB oder wie sie alle heißen mögen, die Bürger noch so überwachen und bespitzeln: "Gedanken sind frei". Doch ich bin sicher – auch daran arbeiten die Regierungen; siehe die Eichendorff Telefonüberwachung in Deutschland.

Joseph Freiherr von Eichendorff
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 12.6.2002