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Joseph Freiherr von Eichendorff
Joseph Freiherr von Eichendorff: "Abschied"
10.3. 1788 Schloss Lubowitz (bei Ratibor, heute: Racibórz) – 26.11. 1857 Neisse (Nysa) – Eichendorff Gedichte-Wegweiser
O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt'ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäft'ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!

Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!

Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Wards unaussprechlich klar.

Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.
Interpretation
Auch in diesem Gedicht überrascht der Erzromantiker Eichendorff den Leser; allerdings nicht erst in der letzten Zeile, wie z. B. in Eichendorff "Im Abendrot", sondern in der letzten Strophe des vierstrophigen Wunderwerks. Er schrieb es im Oktober 1810 als er von Lubowitz nach Wien zog.
Liest man das Gedicht zum ersten Mal erwartet man (vielleicht kennt man es ja schon als Floskel) nach "O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald, du meiner Lust und Wehen andächt'ger Aufenthalt!" eine Hymne an die Natur, an den Wald (vor allem, wenn man wie ich, Gedichtüberschriften nur schlampig wahrnimmt). Dafür spricht der verschränkte Paarreim, die achtzeiligen vier Strophen (Harmonie, Regelmäßigkeit) und der volksliedhafte Charakter. Wie so oft, bringt jedoch Eichendorff einen Gegensatz. Hier ist es, der vermuteten Entstehungszeit zufolge, mit seinem erzwungenen Abschied aus Oberschlesien, die Dichotomie zwischen Natur und geschäftiger Welt. Ich werde sie weiter unten in einer Tabelle festhalten.
Schon in Zeilen 5-6 erscheint bedrohlich ("stets betrogen") die gegensätzliche Welt, die Geschäftswelt, die hier nur kurz angedeutet wird. Später wird sie zur großen Stadt ("auf buntbewegten Gassen", Z. 27). Wie um sich stärker an die Natur zu klammern, richtet der Dichter (das lyrische Ich) eine Auffordung an den grünen Wald (Z. 7-8). Er will sich abkapseln und die geschäftige Welt in seine Idylle nicht eindringen lassen. Wie kunstvoll Eichendorff arbeitet erkannte ich irgendwann, beim x-ten Mal Lesen der ersten Strophe. Ohne es zu merken (OK, ich merkte es nicht), baut er auch einen Gegensatz zwischen "andächt'ger" und "geschäft'ge", zwischen heiliger Natur und monetärer (handelssüchtig, profitgeil) Welt ein. Wie sich später (Z. 28) herausstellt, ist diese geschäftige Welt nur oberflächliches Schauspiel.
Die zweite Strophe ist ähnlich aufgebaut. Noch einmal eine idyllische Schilderung eines Morgens in der Natur mit einem Gleichklang zum Herzen. Diesmal spricht aber ein Außenstehender dem Sprecher aus der ersten Strophe Trost zu. Die erste Strophe schloß mit einem Ausrufezeichen einer Aufforderung an den Wald, die zweite schließt ebenfalls mit einem Ausrufezeichen, das aber eine Verkündigung an den Dichter ist (Z. 15-16): die vergängliche Welt mit ihrer Trübsal (Z. 13-14) wird von einem Herzen, das sich die Natur bewahrt, überwunden. Dabei wird es "in junger Herrlichkeit" auferstehen. Das wird noch einmal in der allerletzten Zeile des Gedichts betont: "So wird mein Herz nicht alt".
In der dritten Strophe versichert das erzählende Ich, daß die Natur ("im Wald", Z. 17) dem Menschen ("des Menschen", Z. 20) eine Nachricht ("ein stilles, ernstes Wort", Z. 18) geben kann. Die Nachricht ist eine Handlungsanleitung ("vom rechten Tun und Lieben", Z. 19). In der zweiten Hälfte dieser Strophe versichert der Dichter, daß er diese schlichte und wahre Botschaft begriffen hat. Ja, er hat die Botschaft der Natur sogar in sein Wesen eingebaut (Z. 23-24); ohne es auszusprechen, wird es durch sein Verhalten klar.
Nach den beiden tröstlichen Strophen 2 und 3 wird der Abschied in der letzten Strophe erträglich. Jetzt ist der Leser endlich sicher: die Gedichtüberschrift schlägt zu. In der zweiten Zeile wird es kalt und bedrohlich "fremd in der Fremde". Die Formulierung wird über hundert Jahre später vom Münchner Komiker Karl Valentin [*] aufgegriffen.
Bemerkenswert scheint mir erstens noch, daß Eichendorff das geschäftige Treiben als Schauspiel durchschaut (Z. 28), wie es vor ihm schon Eichendorff William Shakespeare in "As You Like It" formulierte. Und zum zweiten, daß die rechte Bewahrung der Heimat, das Herz jung erhält (Z. 32). Die Erinnerung an die Herkunft garantiert das Überleben in der Fremde.
Hier noch die kleine Tabelle der Gegensatzpaare in "Abschied"; die eigentlich ein Gegensatz in verschiedener Ausprägung sind.
Innen Außen
Wald
Heimat
Jugend
Stadt
Fremde
Leben (Schauspiel)
Karl Valentin
Hier war ein Link auf ein kurzes Zitat von Karl Valentin. Die Enkelin des Künstlers Anneliese Kühn will Karl Valentin hier öffentlich nicht sehen / lesen. Das Zitat wurde daher am 20. Juli, der Link am 21. Juli 2005 entfernt.

Joseph Freiherr von Eichendorff
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 21.7.2008