| W. G.
Sebald. Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen
Frankfurt am Main: Fischer, 2000. Broschiert, 354 Seiten. Autor weitere Rezensionen |
| In vier "langen" Erzählungen
spürt der Autor Winfried Georg Sebald den Schicksalen von ausgewanderten
Deutschen nach. Die Geschichten kamen mir als Leser nicht lang vor; die
Ausgewanderten sind durchgehend nicht freiwillig gegangen. Vielmehr stellt sich
bei den vom Erzähler erst nach Jahrzehnten angestellten Untersuchungen
heraus, daß sowohl Henry Selwyn, als auch Paul Bereyter, Ambros Adelwarth
und Max Aurach an ihrer Heimat kleben. Jede der vier Personen tritt mehr oder
weniger zufällig in Sebalds Leben, ist scheinbar recht gut in der Fremde
zurecht gekommen und endet doch in Selbstmord oder im Irrenhaus. Durch alle Erzählungen geistert Vladimir Nabokov, ein anderer diesmal weltbekannter Emigrant. Soweit ich mich erinnere, tritt er einmal persönlich auf, sonst kommt er nur indirekt durch seine Schmetterlings- und Schachleidenschaft ins Visier des Erzählers. Durch alle Erzählungen weht eine seltsame Melancholie an vergangene Zeiten, die Sebald durch (gelegentliche) Benutzung veralteter Wörter verstärkt. "Die Scheiter glosten im Dunkeln" (26), "die katholische Salbaderei" (53). Mich erinnerte Sebalds Geschichtenaufbau eher an W. S. Maugham, der auch einen Teil seiner Stories so zwischen drei Besuchen in England und einem zufälligen Wiedersehen in Indien oder sonstwo konstruiert. Sebald weitet sein Auge aber über das rein Psychologische hinaus (bei Maugham dominant) auf Stadt und Landschaft zur Zeit der Recherchen. Die Schilderung Istanbuls wurde mir dann schon zuviel; ich erkannte nicht den Bezug langer Aufzählungen zur Erzählung. Neuartig scheint mir auch die Einbeziehung alter Fotografien (die im Text an richtiger Stelle eingefügt sind). Es gab zwei Auslösemomente, wo mir die Tragweite menschenverachtender Politik im Kriegsvorfeld bewußt wurde: 1) Am Sonntagabend, als im Bayerischen Rundfunk Schellacks aus der Vorkriegszeit aufgelegt wurden. Da feierte und beklatschten die Mengen am 3. März 1933 irgendeinen vielversprechender Musicalstar auf einer Berliner Bühne; kurz darauf wurde sie/er ausgewandert und versank in Vergessenheit. 2) Bei der Beschäftigung mit Naturwissenschaft und Philosophie merkte ich, daß nahezu alle geistigen Vordenker zur Auswanderung veranlaßt wurden: Einstein, Reichenbach, Carnap, Popper, Wittgenstein; natürlich auch Schriftsteller (aber von denen wußte man es ja). W. G. Sebald greift vier Einzelschicksale von Unbekannten heraus. Wann endlich begreift man, daß die Politiker auswandern sollten? Bei Die Ausgewanderten störte mich die Unart, die Anführungszeichen wörtlicher Rede wegzulassen. Dadurch war die Tante als Ich-Erzählerin kaum vom Autor als Ich-Erzähler unterscheidbar. Da Sebald alles in Retrospektive erzählt und selten Absätze einfügt, gehen die verschiedenen Zeitebenen nahtlos ineinander über. Das erschwert (unnötig) den Zugang; Uwe Johnson setzte in seinen Mutmaßungen da wenigstens Leerzeilen dazwischen. Obwohl ich nicht genau sagen kann, warum ich Die Ausgewanderten verschlang, empfehle ich das Buch zur Lektüre. |
Der Autor 18.05.1944 Wertach/Allgäu 14.12.2001, England kurze Biografie des Autors Biografisches etc. Weitere Rezension Albertine Devilder: Das Skepsis-Reservat: Vom Leben: Buchgeschichten. W.G. Sebald |