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Gustafsson, Lars
Gustafsson, Lars: Der Tod eines Bienenzüchters
Verena Reichel, Übs. Frankfurt am Main: Fischer, 1980. 137 Seiten
Von Steven Weinberg in Der Traum von der Einheit des Universums empfohlen (beide hatten eine Professur in Austin, Tx., Weinberg in Physik, Gustafsson in Nordischer Literatur) erwartete ich viel. Und wurde nicht enttäuscht.
Schon das Vorspiel überraschte mich: es spielt in den Chisosbergen des Big Bend N.P. und zwar genau auf dem Zeltplatz, den auch ich schon zweimal als Basislager hatte. Allerdings blieb mir die Funktion dieses einleitenden Kapitels bis heute verschlossen.
Der Hauptteil des kurzen Romans besteht aus tagebuchartigen Aufzeichnungen des pensionierten Lehrers Lars Lennart Westin. Er war – laut Klappentext – schon mehrfach Protagonist in Gustafssons Werken. Westin wohnt abgeschieden an einem Seeufer in Schweden und ahnt seinen nahenden Tod. [Der Klappentext schreibt: "... bis er im Frühjahr erfährt, daß er im Herbst an einem tödlichen Krebsgeschwür sterben wird". Das stimmt so nicht. Bitte selbst nachlesen; ich will nichts preisgeben.]
Selbstverständlich blitzte in mir sofort die Erinnerung an Marlen Haushofer: Die Wand auf. Während dort eine glänzende Idee (science-fiction mäßige Ausgrenzung durch eine undurchlässige Wand) eher kläglich umgesetzt wird (für mich langweilige Tagebucheintragungen), hat Gustafsson zwar einen (man möge mir verzeihen) banalen Plot: wahnsinnige Schmerzen, mit der Ungewißheit über Art der Krankheit (jetzt habe ich doch ein bißchen was preisgegeben). Aber er setzt die Situation großartig um: kein moralisches Lamento, sondern anfregende Überlegungen.
Westin hält sich Bienenvölker und beobachtet aufschlußreich, daß dabei das Bienenvolk unbedingten Vorrang vorm Individuum hat: "Wenn ein Bienenvolk stirbt, ist das ungefähr so, als wäre ein Tier gestorben ... Eine tote Biene ist einem völlig gleichgültig" (15). Wie man sich denken kann, kreist Westins Denken immer um Überleben (Leitmotiv nach Nietzsche: “Was uns nicht umbringt, macht uns stärker”), Identität und das Ich. Wie kann es sein, daß ich immer Ich bin? "Alle Menschen haben das Recht, sich »ich« zu nennen, und zugleich hat nur ein einziger Mensch das Recht dazu, nämlich derjenige, der in diesem Moment redet" (49). Westin kommt zur Überzeugung, daß es keinen wirklichen Ausweg aus dem Leben gibt (92) und es nur den Sinn hat, den das Ich selbst vorgibt (74).
Äußerst interessant fand ich sein Gedankenexperiment einer Welt ohne symbolischer Sprache. Jede Kommunikation funktioniert nur direkt. Man kann nicht sagen "ein riesiger Stein auf dem Berggipfel", weil es dafür weder Sprache noch Zeichen gibt. Man muß einen riesigen Stein auf den Gipfel schleppen, um diesen Sachverhalt zu kommunizieren (95-96). Lars Gustafsson "Eine Welt, in der Wahrheit herrscht"
Ein anregendes Buch.
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Lars Gustafsson   Lars GustafssonLars Gustafsson. Der Tod eines Bienenzüchters. Großdruck. Frankfurt am Main: Fischer, 2001. Broschiert, 250 Seiten Lars Gustafsson
Lars Gustafsson. Der Tod eines Bienenzüchters. München: Hanser, 1978. Gebunden, 177 Seiten Lars Gustafsson

Gustafsson, Lars
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 18.1.2003