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Gustafsson, Lars: Der Tod eines Bienenzüchters
"Eine Welt, in der Wahrheit herrscht" aus: Gustafsson, Lars. Der Tod eines Bienenzüchters
Verena Reichel, Übs. Frankfurt am Main: Fischer, 1980. 137 Seiten
"Eine Welt, in der Wahrheit herrscht"
Auf dem Planeten Nummer 3 im System 13 des Aldebaran gibt es eine Zivilisation, die sich unmittelbar, ohne symbolische Verbindungsglieder, mit der Wirklichkeit befaßt. Die Vorstellung, daß beispielsweise eine Figur auf einem Papier etwas anderes darstellen könnte als sich selbst, ist den außerordentlich kräftigen, vielgliedrigen Tausendfüßlern, die die höchste Zivilisationsstufe auf dem Planeten repräsentieren, völlig fremd. Daß sie kräftig sind, ist ihr Glück. Da sie kein anderes Symbol für ein Ding kennen als das Ding selbst, müssen sie ziemlich viele Sachen mit sich herumschleppen. Auf diesem Planeten hat der Ausdruck »eine kraftvolle Rhetorik« wirklich einen Sinn. Wenn man zum Beispiel sagen will: »Ein sonnenwarmer Stein«, gibt es nur eine Möglichkeit. Man legt der Person, mit der man redet, einen sonnenwarmen Stein in die Hand oder richtiger gesagt in die Klaue. Wenn man sagen will: »Ein riesiger Stein auf der Spitze eines Berggipfels«, gibt es nur eine Möglichkeit, diesen Satz auszudrücken. Nämlich die, einen riesigen Stein auf einen Berggipfel zu schleppen. Unter diesen Bedingungen wird die Schöpfung eines lyrischen Gedichts zu einer Kraftprobe, die noch für Generationen in all ihrer heroischen Deutlichkeit bestehen bleibt. Die meisten Sonette, die diese Zivilisation geschaffen hat, sehen ungefähr aus wie Stonehenge: riesige, feierliche Reihen von Steinen, die die Helden der Vorzeit stöhnend und ächzend mit geschwollenen Adern nach einem uralten Schema an ihren Platz gebracht haben. In dieser Zivilisation sind Lügen selbstverständlich etwas ganz Unmögliches. Wenn man sagen will: »Ich liebe dich«, gibt es nur eine Möglichkeit, nämlich daß man es tut. Wenn man sagen will: »Ich liebe dich nicht«, gibt es ebenfalls nur eine Möglichkeit, und die besteht darin, daß man vermeidet, es zu tun. Wenn man das kann. In einer Welt, in der das Symbol sich stets mit dem Ding deckt und in der dieses daher niemals durch lächerliche kleine Laute oder durch eine Reihe von komischen kleinen Zeichen auf einem Papier ersetzt werden kann, Zeichen, die genaugenommen nichts mit anderen Dingen zu tun haben, außer in unseren brüchigen, zufälligen gesellschaftlichen Konventionen, werden natürlich Wahrheit und Sinn, Lüge und Unsinn zusammenfallen. Der einzige Ersatz für eine Lüge besteht in einer solchen Welt natürlich darin, so verworren, so unsinnig zu reden, daß man sich nicht verständlich machen kann. Normale Konversation, Geplauder, spielen sich auf diesem Planeten so ab, daß die Einwohner aus mitgebrachten Lederbeuteln eine Menge von winzigen Gegenständen hervorholen: Glaskugeln, verschiedenfarbige Steinchen, schön polierte Holzstäbe, und sie munter miteinander tauschen. Der Preis der Wahrheit ist hoch. Von allen wirklich hochentwickelten Zivilisationen im Bereich der alten Zentralsonnen im Mittelpunkt der Milchstraße gibt es keine, die so isoliert lebt wie diese. An Astronomie ist natürlich nicht zu denken. Man redet nicht von Galaxien, wenn man sie bewegen muß, um sie zu benennen. Schon der Begriff »Planet« ist natürlich ganz unvorstellbar. Diese Wesen leben in einer rötlichen Ebene, die von hohen Bergen gesäumt ist. Für die Ebene selbst, die theoretisch dasselbe ist wie »die Welt«, haben sie selbstverständlich keinen Begriff. (Das blaue Buch IV:4; Seiten 95-96)
philosophiephilosophische Themen, Probleme und Thesen

Gustafsson, Lars: Der Tod eines Bienenzüchters
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