| Stefan Heym: Nachruf München: Bertelsmann, 1988. 847 Seiten – |
| Ein gewaltiges
Epos wird vor dem Leser ausgebreitet. Stefan Heym hatte ein bewegtes
Leben. Für diejenigen, die ihn so vage kannten, wie ich vor
der Lektüre, hier ein paar biografische Daten. Geboren als Helmut Flieg am 10.4. 1913 in Chemnitz; emigrierte 1933 vor der Verfolgung der Nazis in die Tschechoslowakei, dann in die USA, kehrte mit der Invasion in der Normandie wieder und emigrierte 1952 vor der Verfolgung durch McCarthy nach Berlin (Ost); 1979 Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR, 1989 rehabilitiert; wird 1994 als Parteiloser in den Bundestag gewählt. Als Alterspräsident hält Heym im November die Eröffnungsrede im Bundestag, der die CDU/CSU-Fraktion (außer Rita Süssmuth) demonstrativ den Applaus versagt. Wenn man will mindestens viermal verfolgt oder geschmäht: Deutschland 1933, USA 1952, Deutschland 1979 und 1994. + 16.12.2001 Doch nun zum Buch, das über sein Leben bis etwa 1979 berichtet. Über, weil der Autor von einem S.H. redet; anfangs wirkte sich sein Geburtsnamen (ich wußte nichts vom Pseudonym) Helmut Flieg zusätzlich verwirrend aus. Diese distanzwahrende Erzählweise wirkte auf mich zu kühl, zumal er nur das Kürzel "S.H." verwendet und trotzdem mit "ich" aus der Gegenwartsperspektive in die Vergangenheit blickt; auch "S.H." und "ich" und "er" in einem Satz auftauchen. Mir wirkt diese Verfahrensweise zu feige, da nicht immer klar wird: meint dies S.H. oder der Autor als Stefan Heym oder der Autor als Erzähler. Berichtet, weil auch sonst der Stil im Nachruf reporterhaft wirkt. Ich kenne sonst kein Werk von Heym; er war zeitlebens auch Journalist. Oft legt sich mit fortschreitender Lektüre der hemmende Einwand; bei Nachruf war dies nicht der Fall. Der Text ist fast dialoglos. Nach ein, zwei Worten kommt oft eine lange Beifügung. Beispiel: "Politisch war, was er auf diesen Veranstaltungen sagte, durchaus zu vertreten" (S. 408); die Wortstellung ist eigenartig. Beispiel: "Von dem Paris des Jahres 1935 sind Eindrücke nicht geblieben" (S. 121). Heym stolpert lieblos, dokumentarisch, reporterhaft, durch die Ereignisse. Selbst die Ankunft seiner Mutter in New York, nach langer Trennung (S. 202) ringt ihm keinen warmherzigen Satz oder gar eine gefühlvolle Beschreibung ab. Der Autor Stefan Heym bewegt mit "S.H." eine Marionette. Für eine Chronik freilich sind andrerseits die Datumsangaben zu spärlich. [*] Der Lebensbogen, den Heym beschreibt, ist freilich umwerfend. Noch einmal taucht die Atmosphäre in den Dreissigern auf, meinen Wissensstand in etwa bestätigend. Dann das Umherirren, wie bei zahlreichen anderen Intellektuellen auch. Die Phase in den USA, Beteiligung am D-Day und Rückkehr fand ich eher blaß. Spannend wurde dann die Frage, warum die DDR und nicht die BRD seine neu Heimat wurde. Sie wurde für mich überzeugend beantwortet, zumal ich kurz davor Erst ganz spät durchkreuzt er die Verhöre (S. 780) und wird wohl deshalb 1979 kaltgestellt. Nur gelegentlich malt Heym etwas aus, blitzt ein treffender Vergleich auf: "... die Brücke ist zerborsten, also auf waghalsigem Weg hinunter ins Tal, ein paar Pontons, Bretter darüber, weiter, wieder den hand hinauf: welche Aussicht von oben, die Städte ausgebrannt, tot, ähnelnd riesigen Ansammlungen hohler Zähne" (S.348). Vorteilhaft für den Leser ist es bei der Lektüre dieser Autobiografie Werke Heyms zu kennen. Man blickt in die "Werkstatt" des Autors Heym. Die Entstehungsgeschichte (eher langfristig ausgedacht als geniale Gedankenblitze) der Werke bis 1979 ist aufschlußreich. Zusammenfassung: instruktiver Lebenslauf mit bunter Staatenfolge; Aufschluß über einige Zeitsituationen und die Arbeitsweise des Autors Heym; nur teilweise spannend; zu lang und trotzdem zu dicht berichtet. Ich habe dazu keine Lösung. Mehrere Bücher? Trotz aller Einwände lohnend. |
| [*] Druckfehler in Jahresangabe in
der Erstauflage S. 221: 16. Oktober 1943; S. 223: des Jahres 1943; S. 230: 25. Januar 1943; S. 238: 16. Mai 1943 Die beiden ersten Jahresangaben oder zumindest die erste müssen 1942 lauten. |
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| Stefan
Heym: Nachruf. München:
btb/Goldmann,1998. Taschenbuch, 943 Seiten |