| Jan
Potocki: Die Handschrift von Saragossa [Le Manuscrit trouvé à Saragosse]. Louise Eisler-Fischer, Übs.; Maryla Reifenberg, Übs aus dem Polnischen. Frankfurt am Main: Insel, 1961. 876 Seiten – |
| In der
Überschrift nenne ich zwei Übersetzerinnen: aus dem
Französischen und dem Polnischen; dies deutet auf die
abenteuerliche Geschichte des Manuskripts und Romans selbst hin, auf
die ich aber nicht weiter eingehe; siehe dagegen unter den Die Handschrift von Saragossa ist ein tief geschachtelter Abenteurer-, Ritter-, Schauerroman des Jan Graf Potocki (Polen 1761 – 1815), entstanden 1803 bis 1815, immer wieder auszugsweise erschienen. In Anlehnung an Tausendundeine Nacht und das Decameron hat Potocki den Roman in 66 Tage gegliedert. Von den bei mir rezensierten Werken kommt er am ehesten formal dem verunglückten Die Hauptperson Alphonse van Worden, ein junger spanischer Hauptmann überquert die Sierra Morena auf seinem Weg nach Madrid. Dabei stößt er sehr bald auf zwei geheimnisvoll umwitterte Orte, voll Spuk und Mysterie: das Gasthaus Venta Quemada und dem Galgenplatz mit zwei dort hängenden Leichen. All die wunderbaren Geschehnisse, die ihm widerfahren, oder die in mehrfach gestaffelten Erzählbeiträge andere beisteuern, kreisen um das maurische Geschlecht der Gomolez. Die Nachfahren der aus Spanien vertriebenen Islamisten bereiten in unterirdischen Gemächern eine Welteroberung vor; insofern ist die Handschrift auch noch ein James Bond Vorläufer: "...die Mauren, die sich in diesem Gebirge verborgen halten, bereiten eine Revolution des Islam vor, deren Grund in der Politik und im Fanatismus zu suchen ist" (S. 792). Vorahnung des 11.September 2001 ? Komik stellt sich manchmal unbeabsichtigt ein: "Mein Vater beschloß, zu seiner Hochzeit alle Leute einzuladen, mit den er sich geschlagen, ohne die natürlich, die er dabei getötet hatte" (S. 49). Und geschlagen hat er sich wegen allem, so beispielsweise, als seine Karosse von einer anderen überholt wurde (S. 52). Köstlich ist die Tintenkrugszene (S. 180-81), grotesk sind viele Szenen, die vom Autor wohl oft noch als gruselig gedacht waren: "Das Skelett riß sich selbst den linken Arm aus, bediente sich seiner als Waffe und fiel damit wütend über mich her" (S. 202). "Die Frauen in Spanien erfüllen ihre religiösen Pflichten sehr häufig und verlangen jedesmal nach demselben Beichtvatet. Man nennt das: »buscar el su padre«. Daher kommt es, daß manche argen Spötter, wenn sie ein Kind in der Kirche sehen, zweideutig fragen, ob es gekommen sei, um buscar el su padre (seine Vater zu suchen)." (S. 366) Erotik ist zu dieser Zeit für unsere Begriffe nur andeutungsweise vertreten, aber eben deshalb nicht weniger reizvoll. "Das Hemd war bis unter dem Gürtel aus Leinen, dann aber aus Gaze von mequinez, einem Stoff, der ganz und gar durchsichtig wäre, hätte man nicht Seidenbänder in ihn hineingewoben, um die Reize zu verhüllen, die würdig sind, geahnt zu werden" (S. 20). Oder schon derber: "Ich weiß nicht, welche Unbesonnenheit mich trieb, nochmals Zuflucht zum Schlüsselloch zu nehmen. Ich sah den Mulatten Tanzai, der sich mit Suleika Freiheiten herausnahm, die mich vor Grauen erstarren ließen. Ich fiel ohnmächtig hin" (S. 215). Vergleiche dazu den Text von Religion Auf dem oberflächlichen Wettkampf der Zauberkräfte des Kabbalisten mit dem Ewigen Juden entspannt sich ein Wettstreit zwischen Islam, Judentum und Christenheit. Geschichte Ich konnte natürlich die zahllosen geschichtlichen Bezüge nicht überprüfen, freute mich aber über die Erwähnung von Pico della Mirandola auf Seite 654. Meine bevorzugten Geschichten: "Die Geschichte der Marie von Torres" ab S. 227; "Die Geschichte des Diego Hervas" ab S. 650. Der Leser ist stark gefordert. Ich fragte mich, ob es sinnvoll sei, nicht die Verschachtelungen mitzumachen, sondern die einzelnen Geschichten hintereinander im Zusammenhang zu lesen; doch sie sind oft personell und situationsmäßig ineinander verwoben. Ich bin unsicher, ob es zweckvoll wäre. Auch stilistisch gleitet Poticki gelegentlich in eine Aneinanderreihung nicht ausgeführter historischer Begebenheiten: "Herodes ließ Alexandra in ihrem Palast einsperren, weil sie mit ihrem Sohn zu Kleopatra fliehen wollte, die überaus begierig war, den hinreißenden Hohenpriester kennenzulernen" (S. 321). Lauter spanndende Einzelheiten, doch mehr erfährt der Leser nicht dazu. Ein echter Schmöker, manche Ausführung einfach überblättern! |
| Links |