| Djian, Philippe: Pas de
deux Zürich: Diogenes 1994. 435 Seiten |
| Zu den amourösen Schilderungen in
Philippe Djians Pas de deux schien mir der gerade bei mir eingetroffene
CD-Set von Mozarts Don Giovanni (Eberhard Wächter, Joan Sutherland;
Carlo Maria Giulini; 1959, EMI) als Begleitmusik angebracht. Aber das
Vergnügen scheiterte: beide Werke verlangen für sich volle
Aufmerksamkeit. In Pas de deux fordert uns Djian vor allem mit
zeitlicher Vielschichtigkeit und wechselnden Erzählerperspektiven. Hubert
Selbys Last Exit to Brooklyn in den sechziger Jahren noch
Gegenstand zahlreicher Gerichtsverfahren wird in sexueller
Freizügigkeit übertroffen, allerdings ohne dessen Gewalteinsatz zu
benötigen. Ein Fortschritt in zensorischer Hinsicht ist unleugbar oder
haben die Anstandsdamen und Herren Großinquisitoren unserer Republik den
Djian nur noch nicht "entdeckt"? Mein Exemplar habe ich aus der Münchner
Stadtbibliothek, die erst im Juli 1997 einen gewaltigen Anpfiff der CSU wegen
angeblich obszöner Bilder in ihren Regalen erhielt. Gottseidank lesen die
CSU-Stadträte anscheinend nicht. Die Comics müssen inzwischen in den
Regalen nach oben wandern. Die modischen hohen Schuhe, beliebt bei der
weiblichen Jugend, erhalten nachträglich einen Sinn. Als Kenner der Musik der 50-er Jahre konnte ich das Zusammentreffen der neuesten Single von Elvis Presley King Creole und das Bekanntwerden von Jerry Lee Lewis zweiter Heirat nicht glauben (im Buch auf Seite 194). Ich überprüfte die Daten und sie sind korrekt. Jerry Lee heiratete im Dezember 1957 die 13-jährige Myra Cole Brown, anläßlich seiner Englandtournee Ende Mai 1958 wurde dies zum Skandal. Elvis nahm King Creole am 15.Januar 1958 auf , die deutsche Erstaufführung des gleichnamigen Films (zu deutsch aber Mein Leben ist der Rhythmus) war am 24.10.1958, die Single erschien im September in Europa. Djian ist also im Schildern dieser Details korrekt, wir dürfen ihm auch die anderen ausführlichen Beschreibungen glauben. Doch manchmal unterlaufen dem großartigen Formulierer Ungenauigkeiten. Auf Seite 303 meint er: "Jeden Morgen wurden ganze Heerscharen wach, stellten fest, daß ihr Leben mittelmäßig war, und doch ertönte auf den Straßen keinerlei Geschrei, stürzte sich kaum jemand aus dem Fenster." Ich stutzte. Erst nach einigem Nachdenken merkte ich den Fehler: die Mittelmäßigen merken doch höchst selten, "daß ihr Leben mittelmäßig war". Das Gehopse aus allen Fenstern wäre doch zu köstlich. Und ich erinnerte mich an Bruno Walter (Dirigent), der zu Gustav Mahlers Das Lied von der Erde den Komponisten fragte: "Was glauben Sie? Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen danach nicht umbringen?" Ich meine, die Mittelmäßigen hören auch nicht Gustav Mahler. Djian scheint Fachmann auf mehreren Gebieten zu sein. Alle die es auch werden wollen, sei die Lektüre empfohlen. Jaromir Konecny gibt in seiner Besprechung der Romane Djians weitere Einblicke in den Handlungsablauf und beurteilt Pas de deux auch im Umkreis der anderen Werke des Autors. Warum der französische Originaltitel Lent dehors im Deutschen zu Pas de deux wurde, bleibt mir ein Rätsel. Pas de deux ist ein Teil des Nußknackerballetts von Peter Tschaikowsky und wird auf Seite 195 kurz erwähnt. Immerhin lernt Henri-John im Laufe des Romans so ziemlich die ganze Truppe des Sinn-Fein-Balletts intimer kennen. Übrigens: der Don Giovanni von 1959 ist überragend. Den schauen sich auch die Münchner CSU-Stadträte an, vielleicht weil sie Opernfreikarten erhalten. Wenn sie italienisch verstünden, würde auch Don Giovanni höher gehängt, fordert er ja geradewegs zur ständigen Unzucht auf: "Chi a una sola è fedele verso l'altre è crudele" (Wer nur einer treu ist, ist gegen die anderen grausam); 2.Akt, 1.Szene. |
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