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Manfred Fuhrmann Bildung
Manfred Fuhrmann: Bildung. Europas kulturelle Identität
Stuttgart: Reclam, 2002. 110 Seiten
Manfred Fuhrmann ist am 12. Januar 2005 im Alter von 79 Jahren in Überlingen verstorben
Das Büchlein Bildung. Europas kulturelle Identität. ist schnell gelesen und bietet Nachdenkstoff für Tage und Wochen. Der ROI (Return on Investment) ist sehr hoch.
Manfred Fuhrmann, geboren 1925, studierte Musik, Alte Sprachen und Römisches Recht, war von 1962 bis 1990 Professor für Klassische Philologie an den Universitäten Kiel und Konstanz und emeritiert. Zeit und vor allem Hintergrundwissen für ein Buch über Bildung, den Bildungskanon, vor allem aber, der Untertitel sollte Haupttitel sein, Europas kulturelle Identität.
Der Traktat ist formal zweigeteilt, ich empfand es aber als dreiteilig: 1. historische Entwicklung, 2. gegenwärtige Situation, 3. Plädoyer für die Bibel als wichtig(st)e geistige Grundlage des Abendlandes.
1. Historische Entwicklung
Die wichtigsten Säulen in der geschichtlichen Entwicklung eines Bildungskanons sieht Fuhrmann in der christlichen und humanistischen Tradition (S. 6). Dies vernachlässigt zunächst die Antike, was aber wenige Seiten später revidiert wird. Zumindest die Urspünge ortet der Latinist Fuhrmann in der Bibel und der Antike. Die Kanones waren nicht unverträglich, solange sich "die wissenschaftlichen Disziplinen, mit einer dienenden Rolle gegenüber der Religion begnügten ... Erst mit der Aufklärung ... gerieten die bedien altüberkommenden kanones derart zueinander in Widerspruch, dass der weltliche, der humanistische Kanon den christlichen ausschloss" (S. 11). Fuhrmann zeichnet dann prägnant die europäische Entwicklung nach. Das liest sich spannend und ich lernte einiges über das Schulwesen bis zur heutigen Situation, die ich nun glaube besser beurteilen zu können.
2. Gegenwärtige Situation
Die heutige Gesellschaft hat Bildung kaum noch zum Aufstieg nötig. Der breite Wohlstand tausche die Existenzsorge gegen eine Sinnkrise aus. [Dazu meine Empfehlung: Viktor Frankl. Haddon Klingberg. When Life Calls Out to Us: The Love and Lifework of Viktor and Elly Frankl]
In aller Kürze, und angelehnt an Gerhard Schulz: Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main 2000, skizziert Fuhrmann die Erlebnisgesellschaft dreigeteilt in Hochkulturschema, Trivialschema und Spannungsschema. Er bedauert den Rückgang des humanistischen Gymnasiums. Doch scheint mir sein Resümee nicht negativ. "Einst waren es wenige, die sich den ganzen Kanon gründlich zu eigen gemacht hatten; jetzt sind es viele, die sich mehr oder weniger oberflächlich auf einen Teil davon einlassen" (S.72). Das schließt nicht aus, daß sich wieder einige davon in einzelne Sparten des Kanons oder auch Nischen vertiefen; und dies wird ja auch getan. "Bildung ist kein schichtenspezifischer Standard mehr" (S. 73). Das finde ich in Ordnung. ist, .
Nun bleibt Fuhrmann hier nicht stehen, sondern frägt auch nach den Ursachen dafür, daß die Geisteswissenschaften fast überall um ihr Dasein fürchten müssen. Er schreibt es nicht direkt, doch es ist der fehlende ROI, den ich oben so an diesem Büchlein gelobt habe.
3. Plädoyer für die Bibel
Als wichtig(st)e geistige Grundlage des Abendlandes ortet Fuhrmann die Bibel und er bedauert die verbreitete Unkenntnis über ihre Inhalte. Das legt er stringent dar. Ich vermisse allerdings den Hinweis darauf, daß die Bibellektüre (und damit natürlich auch die Kenntnis darüber) jahrhundertelang von der katholischen Kriche verpönt war, ja daß die Bibel zeitweise sogar auf dem Index landete. Die Bibelkenntnis, die mir im Religionsunterricht vermittelt wurde, war eingeschränkt auf ein paar nette Geschichten aus dem Neuen Testament. So sehr Fuhrmann die Wirksamkeit des Christentums und der Bibel betont, so ignoriert er auch die andere Seite des Christentums über mehrere Jahrhunderte: Stagnation der Bildung und Wissenschaft durch das Schreib- und Lehrmonopol (dies freilich macht Fuhrmann im historischen Teil transparent); Krieg und Unruhen durch Kreuzzüge, Inquisition, Verfolgung Andersgläubiger, Intoleranz, Reformationskriege, etc. Einmal leistet sich Fuhrmann einen Ausrutscher, indem er die jüdische Religion als "Vorstufe des Christentums" bezeichnet (S. 98), das hört sich arg an, wie der Urmensch im Rift Valley, der unsere evolutionäre Vorstufe ist. Das zeigt, daß die im Religionsunterricht eingebläute Überlegenheit der christlichen Religion ein ganzes Leben lang nicht wegzuwaschen ist.
Fuhrmann gibt keine Rezepte, das war mir angenehm (andere Rezensoren bedauern es), nennt die Mißstände aber beim Namen, begründet auch, warum sie aus seiner Sicht verbesserungswürdig sind.
Wer sich für Schule und Bildung im weitesten Sinne interessiert, sollte diesen Essay lesen. Vor allem auch diejenigen, die immer von der deutschen Leitkultur sprechen und nicht begreifen, daß unsere Kultur und Bildung nur aus einem europäischen Gesamtkontext verständlich wird. Ohne Antike, Bibel, Renaissance, Humanismus und Aufklärung kann man die deutsche Leitkultur eh vergessen.
manfred fumusik/HHMann Manfred Fuhrmann BildungManfred Fuhrmann: Bildung. Europas kulturelle Identität. Stuttgart: Reclam, 2002. 110 Seiten

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 13.1.2005