| Hilbig,
Wolfgang: Grünes grünes Grab.
Erzählungen Frankfurt: S. Fischer, 1993. Gebunden, 148 Seiten |
| In einer Rezension zu diesem Buch (bei
Literaturwelt,
ehemals carpe) lese ich Widersprüchliches: "die vier Geschichten dieses
Buches drehen sich um zeitgenössische Wirklichkeit" und Hilbig beschreibt
eine "Vermischung von Erfindung und Realität". Ich stimme nur dem zweiten
Urteil uneingeschränkt zu, beim ersten Urteil bestreite ich die
Wirklichkeit, obwohl auch die in Hilbigs Erzählungen zum Zuge
kommt. Wolfgang Hilbigs vier Erzählungen "Fester Grund", "Er, nicht ich", "Grünes grünes Grab" und "Die elfte These über Feuerbach" schlittern zwischen den beiden ehemaligen Teilen Deutschlands. Der Ich-Erzähler oder die ominösen "C." und "W." haben eine Aufgabe (z. B. einen Brief aufzugeben) oder suchen etwas (z. B. einen Vortragsort) und stoßen dabei auf wirkliche oder eingebildete Hindernisse. Oft kommen sie an Friedhöfe, Mauern oder Plätze, die entweder quirrlig belebt oder unheimlich einsam sind: "... Plätze, die ich einmal, als ich hier lebte, sicher wie ein Schlafwandler abschritt, reißen nun nach ganz unerwarteten Seiten aus, das überempfindliche Bewußtsein ahnt Abgründen, vergessene Finsternis gähnt mir entgegen ..." (S. 50-51). Die stilistisch hervorragenden Erzählungen elektrisieren beim Lesen, aber immer fragte ich mich am Ende: Was war eigentlich los? Vielleicht kann das eine Wiederlektüre klären. Wolfgang Hilbig versteht es (ähnlich wie es Thomas Bernhard mit langen Sätzen gelingt) Sätze mit gestelzten Wörtern poetisch zu gestalten. Seine suchenden Personen erinnerten mich oft an Kafkas verzweifelte Gestalten, die es nicht fertig bringen, ihren Plan zu verwirklichen und oft ähnlich nur "K." genannt werden. Ich meine, man muß zum Verständnis mancher Passagen die Verhältnisse vor und um die sogenannte Wiedervereinigung (es war doch mehr eine Übernahme oder Kauf) genau kennen. Dabei schreckt Hilbig auch vor heiklen Themen, wie den seinerzeit praktizierten Menschenhandel (S. 64) wir im Westen nannten es Fluchthelfer nicht zurück. Dabei war "Menschenhändler" DDR Jargon , wird heute aber auch von unseren Politikern wieder verwendet: "Im Jahr 2001 führte die Polizei in Deutschland 273 Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels durch." (Pressemitteilung Bay.Saatsministerium des Innern 620/02 vom 18.10.02) Es kommt halt nur darauf an, was man mißbilligen will. Siehe dazu Politikerdeutsch. |
| In vielen Besprechungen sehe ich "Grünes, grünes Grab", aber Hilbig hat es konsequent ohne Komma geschrieben, so daß man das erste Wort auch als Genitiv lesen kann; allerdings taucht keine Person namens Grüne auf. |
| Für Leser, die an kunstvoller Sprache Freude haben und vor schwierigen Situationen zwischen Magie und Wirklichkeit nicht zurückschrecken, ist dieser Erzählband zu empfehlen. |