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Johann Wolfgang Goethe Wiederfinden
Johann Wolfgang Goethe: "Wiederfinden"
aus: West-Östlicher Divan. 28.8. 1749 Frankfurt am Main – 22.3. 1832 Weimar; Zitate von Goethe
Ist es möglich! Stern der Sterne,
Drück ich wieder dich ans Herz!
Ach, was ist die Nacht der Ferne
Für ein Abgrund, für ein Schmerz.
Ja, du bist es! meiner Freuden
Süßer, lieber Widerpart;
Eingedenk vergangner Leiden,
Schaudr ich vor der Gegenwart.

Als die Welt im tiefsten Grunde
Lag an Gottes ewger Brust,
Ordnet' er die erste Stunde
Mit erhabner Schöpfungslust,
Und er sprach das Wort: Es werde!
Da erklang ein schmerzlich Ach!
Als das All mit Machtgebärde
In die Wirklichkeiten brach.

Auf tat sich das Licht: so trennte
Scheu sich Finsternis von ihm,
Und sogleich die Elemente
Scheidend auseinanderfliehn.
Rasch, in wilden, wüsten Träumen
Jedes nach der Weite rang,
Starr, in ungemeßnen Räumen,
Ohne Sehnsucht, ohne Klang.

Stumm war alles, still und öde,
Einsam Gott zum ersten Mal!
Da erschuf er Morgenröte,
Die erbarmte sich der Qual;
Sie entwickelte dem Trüben
Ein erklingend Farbenspiel,
Und nun konnte wieder lieben,
Was erst auseinanderfiel.

Und mit eiligem Bestreben
Sucht sich, was sich angehört,
Und zu ungemeßnem Leben
Ist Gefühl und Blick gekehrt.
Sei's Ergreifen, sei es Raffen,
Wenn es nur sich faßt und hält!
Allah braucht nicht mehr zu schaffen,
Wir erschaffen seine Welt.

So, mit morgenroten Flügeln,
Riß es mich an deinen Mund,
Und die Nacht mit tausend Siegeln
Kräftigt sternenhell den Bund.
Beide sind wir auf der Erde
Musterhaft in Freud und Qual,
Und ein zweites Wort: Es werde!
Trennt uns nicht zum zweitenmal.
Interpretation
Das Gedicht "Wiederfinden" schrieb Goethe im Jahre 1815, es wurde zuerst 1819 im West-Östlichen Divan veröffentlicht.
Das Gedicht überraschte mich beim ersten (und zweiten Lesen) mehrfach.
Nach der ersten Strophe rechnet man mit einem Liebesgedicht. Beim zweiten Lesen geben aber die Metaphern "Stern der Sterne" und "Nacht der Ferne" einen Hinweis auf den Kosmos, der in den folgenden Strophen ausgebreitet wird. Die zweite Strophe beginnt wie eine Erzählung, eine Legende ("Als die Welt") und erzählt etwas eigenwillig die Schöpfungsgeschichte nach. Da gibt es zunächst die Welt schon, bevor Gott das "Es werde!" spricht. Dann entsteht das All gleichsam mit Geburtswehen "ein schmerzlich Ach!" und tritt in die Wirklichkeit (die also wieder bereits da ist) ein. In der dritten Strophe entwickeln die Elemente sofort eine eigene Dynamik, die in Erstarrung ausebbt. Dieses Motiv wird in der vierten Strophe aufgenommen: "Stumm war alles, still und öde" und gesteigert: "Einsam Gott zum ersten Mal!". Bemerkenswert erscheint, daß Gott zum ersten Mal einsam ist, obgleich ja vor der Schöpfung sicher weniger vorhanden war. Erst mit der Erschaffung von Raum, Licht und – unausgesprochen – Zeit ist Einsamkeit möglich.
Auffallend sind die vielen Bezugspunkte gegen die bestmögliche aller Welten des Gottfried Wilhelm Leibniz: es beginnt mit dem schmerzlichen "Ach" es Schöpfungsaktes (Z. 14), dann die wilden, wüsten Träume (Z. 21), starre Räume ohne Sehnsucht, ohne Klang (Z. 23-24), stumm, still, öde, einsam, Qual, im Trüben (Z. 25-29).
Gott weiß sich zu helfen und beauftragt die Morgenröte Farbe ins Geschehen zu bringen. Die Götting der Morgenröte ist bei den Griechen Eos, bei den Römern Aurora. Sie ist die Tochter des Himmels und zugleich Tochter der Sonne. Mit dem Farbspektrum ordnet sich das Auseinanderfallende. Erst jetzt tritt das Zusammenspielen der Elemente ein. Mit der Harmonie unter den Teilen des Universums kann wieder (!) geliebt werden (Z. 31). Mir scheint, daß erst in der nächsten, der fünften Strophe der Mensch auftritt (Leben, Z. 35). Wenn dies richtig ist, so hat Goethe den stabilisierten Dingen die Liebe zugeschrieben. Jedenfalls wird in den Zeilen 33-34 das Zusammenfinden der ersten Strophe wieder aufgegriffen. Hier wird aber Zusammengehöriges erkannt (Z. 34), was ja auch im "wieder" der Zeile 31 und im Gedichttitel thematisiert wird.
Der Mensch kann lieben, ergreifen und raffen: der Homo Faber ist auf der Szene. Nun kann Gott ("Allah") die Entwicklung dem Menschen überlassen. Der Mensch erschafft sich seine Welt selbst. Mir scheint, als ob durch den Menschen die Dinge abermals eine Eigendynamik entwickeln. Ist Gott gar überflüssig?
Erst in der sechsten, der letzten Strophe wird das Wiederfinden der beiden Menschen aus Strophe eins explizit fortgesetzt. das ist erst durch die morgenroten Flügeln (Z. 41) möglich. Nacht, Sterne und Qual sind die Beziehungswörter. Sie klammern das kosmische und private Geschehen zusammen. Die trennenden Gegensätze sind überwunden.
Die nie unterbrochenen Kreuzreime betonen die klassische Form des Gedichts, die auch in den achtzeiligen (zwei hoch drei) Strophen ausgedrückt wird. Auffallend ist, daß Goethe christliche Schöpfungsgeschichte mit griechischer Mythologie und islamischen Allah verbindet.

Johann Wolfgang Goethe Wiederfinden
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.12.2002