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Harry Mulisch Prozedur
Harry Mulisch: Die Prozedur
München: Hanser, 1999. Gebunden. 267 Seiten
Harry Mulisch, dessen Die Entdeckung des Himmels ich noch in bester Erinnerung habe, versucht mit Die Prozedur eine Gratwanderung zwischen Roman, Krimi, philosophischem Essay und wissenschaftlichen Aufsatz. Wie zu befürchten ist, mißlingt dies.
Die Prozedur ist Bauanleitung, das Regelwerk zur Erschaffung von Leben. Originell beginnt Mulisch seinen Roman mit einem Prüfauftakt um ungeduldige Leser abzuschrecken. So wie auf Klettersteigen, deren Schlüsselstelle schon am Anfang eingebaut wird, Kletterer, deren Können überfordert werden würde, gleich zu Beginn ausgesondert werden. Er beginnt mit der Erschaffung des Menschen in der Genesis und berichtet von Sefer Jezira, der Bauanleitung für den Menschen auf fünf DIN-A4-Seiten. Auf Seite 15 glaubt der Erzähler die unliebsamen Leser abgeschüttelt zu haben: "So, das wäre geschafft. Wir sind unter uns". Ich las natürlich weiter. Die Kapitel nennt Mulisch "Heft" und im dritten Heft geht es dann um den Golem. Rabbi Jehuda Löw bekommt von Kaiser Rudolf den Auftrag einen Golem zu schaffen. Dies ist packend erzählt und war für mich das spannendste Heft.
Nun tritt der Genforscher Victor Werker auf. Ihm ist es gelungen, Leben aus der Retorte zu erzeugen. Ab Seite 97 schreibt er – zunächst völlig unmotiviert – Briefe an seine Tochter Aurora. Der Inhalt scheint geschwätzig, da er Fakten vorträgt, die kein Vater seiner Tochter schreiben würde, da sie ihr bekannt sein müßten. Später erfährt der Leser, daß Aurora schon früh gestorben ist. Dem siegreichen Werkler Victor Werker mißlang der auf natürliche Weise zustande gekommen Sprößling.
An vielen Stellen blitzt Mulischs Genius, den er in Die Entdeckung des Himmels (und vielleicht auch in anderen, mir unbekannten Werken) bewiesen hat, auf. Manchmal gleitet er vom Grat ab in die Wand und kommt im Betroffenheitsgesabbere ins Rutschen (S. 182-183). In den eingeflochtenen Möchte-gern-Krimi fließt die Information über den Inspektor Sorgdrager (S. 231-232), dessen nebulöse Existenz nicht aufgeklärt wird. Der Hinweis einer Mitleserin erscheint mir plausibel: Der Inspektor teilte Werker einen Phantomnamen mit, da seine Geschichte zu phantastisch war.
Leider ist der Roman mit Bezügen überfrachtet: alles hat mit Erschaffung (oder Vergehen), der Sprache und Schrift zu tun; da werden dann Kirchen zu trauerverarbeitenden Maschinen (S. 180); viele Anspielungen auf Kafkas Prozeß (Die Prozedur). Insgesamt war mir das zu konstruiert und zu offensichtlich konstruiert.
Am Ende ergänzt Mulisch das Romanthema der Erschaffung von Leben noch mit einem Diskussionsexkurs über den modernen Künstler, der ja auch erschafft. Er läßt nichts aus.
Trotz aller Einwände ist Die Prozedur recht munter lesbar. Aber nicht mehr. Ähnlich scheiterte Robert Menasse mit Die Vertreibung aus der Hölle; zum benachbarten Thema der künstlichen Intelligenz und Schaffung eines bewußten Wesens empfehle ich Richard Powers: Galatea 2.2 oder gleich Gustav Meyrinks Der Golem.
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mulisch prozedur Harry Mulisch. Die ProzedurHarry Mulisch. Die Prozedur. Reinbek: Rowohlt, 2000. Broschiert, 267 Seiten. mulisch prozedur
Harry Mulisch. Die Prozedur. München: Hanser, 1999. Gebunden. 267 Seiten.Harry Mulisch. Die Prozedur
mulisch prozedur Harry Mulisch. Die ProzedurHarry Mulisch. Die Prozedur. Sonderausgabe. Reinbek: Rowohlt, 2001.Gebunden, 267 Seiten.  

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.12.2002