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Imre Kertesz. Roman eines Schicksallosen
Imre Kertesz. Roman eines Schicksallosen
Reinbek: Rowohlt, 2002. Taschenbuch, 286 Seiten
Erst als Kertesz schon den Nobelpreis hatte (12/2002) las ich sein vielgelobtes Werk über die Zeit als Fünfzehnjähriger in Budapest, Auschwitz und Buchenwald. Vor kurzem hatte ich zum selben Thema das bedeutend härtere des ebenfalls 15-jährigen Toivi Blatt: Nur die Schatten bleiben gelesen. Imre Kertesz gewinnt mit seinem eher kühlen und stellenweise nonchalanten Bericht dem Holocaust neue Tönung ab.
Köves György, 15-jähriger Budapester und Ich-Erzähler, muß zuerst seinen Vater ins Unbekannte verabschieden und wird dann selbst geschnappt. Etwa ein Jahr verbringt er in den KZs in Auschwitz und Buchenwald. Nüchtern zählt er die drei Arten, einem Konzentrationslager zu entkommen auf :
  1. die bescheidenste Möglichkeit ist die Freiheit des Vorstellungsvermögens, die er ausführlich beschreibt und wo Gyögy klar wird, daß er zu Hause nicht richtig gelebt hat.
  2. die Bestandszahl beim Morgenappell verringern, sich aus dieser Welt zu verabschieden.
  3. die Flucht, mit null Chancen und kollektiver Strafe für alle Insassen derselben Bude (S. 172-180).
Imre Kertesz trifft den lässigen Ausdruck eines Heranwachsenden genau. Bei seinem plötzlichen Abtransport muß er fast ein bißchen lachen, wenn er an das Gesicht seiner Stiefmutter denkt, die mit dem Abendessen umsonst warten muß (S. 67). Oft zeigt er Verständnis für seine Peiniger. Er wird fürchterlich gedemütigt, reißt sich dann notgedrungen zusammen und der Erfolg, so meint er, bestätigt die harte Strafe (S. 188). Die Gefangenen leben in unwürdigsten Zuständen, der begleitende Soldat rümpft ob des Gestanks die Nase: "mit einigem Recht, wie ich zugeben mußte" (S. 192).
Nüchtern wird jede denkbare Strapaze vorwurfslos erzählt und in einem Nebensatz oft gesteigert. Die Gefangenen werden in einen Eisenbahnwaggon gepfercht und der Rücken wird auf die Eishaut von Pfützen am Boden des Waggons gedrückt (S. 205).
Lange rätselte ich (wenn es die Spannung eben erlaubte) über den deutschen Titel vom Schicksallosen. Die Antwort steckt in einer späten Bemerkung: "wenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht möglich, wenn es aber ... die Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal, das heißt also ... wir selbst sind das Schicksal" (S. 284).
Das Buch gewinnt seinen eigenen Flair und Schrecken gerade dadurch, daß der Leser inzwischen sie Schrecken der Lager kennt und hinter dem flappsigen Erzählstil die bestialische Wirklichkeit weiß.
Unbedingt lesenswert. Zu r Ergänzung empfehle ich dann Toivi Blatt: Nur die Schatten bleiben.
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Imre Kertesz   Imre KerteszImre Kertesz. Roman eines Schicksallosen. Reinbek: Rowohlt, 2002. Taschenbuch, 286 Seiten - Rowohlt Tb. Erscheinungsdatum: 2002 ISBN: . Imre Kertesz
Imre Kertesz. Roman eines Schicksallosen. Berlin: Rowohlt, 1996. Gebunden, 286 Seiten.Imre Kertesz

Imre Kertesz. Roman eines Schicksallosen
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 9.12.2002