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Zülfü Livaneli Eunuch Konstantinopel
Zülfü Livaneli: Der Eunuch von Konstantinopel
[Engeregin gözündeki kamasma] Wolfgang Riemann, Übersetzer. Zürich: Union, 2000. 189 Seiten
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Wer aufgrund des deutschen Titels einen erotischen oder gar schwülstigen Roman aus dem Harem erwartet, wird enttäuscht. Geboten wird eine spannende, grausame Geschichte über Macht, Machtverleihung, Machterhalt und Machausübung. Wenn der türkische Autor Zülfü Livanel (bekannt als Sänger, Komponist, Journalist und UNESCO Berater) recht hat, – und angeblich liegen historische Gegebenheiten zugrunde – ging es am Hof von Konstantinopel noch rigoroser zu, als an den europäischen Königshäusern.
Um ihren Enkel auf den Thron zu bringen, läßt die Mutter des Padischah (Herrscher über das Osmanische Reich am Hof zu Konstantinopel) ihren Sohn einmauern. Von seinen Hunderten von haremsdamen wird ihm Gülbeden mit gegeben. Der Ich-Erzähler Habesch Aga ist ein schwarzer Sklave und Eunuch, der seinen Ex-Herrn über eine Luke mit Speisen und Nachrichten versorgt. Kann er ihm helfen? Soll er es? Und wenn ja, wie? Eingestreut erzählt Habesch Aga auch seine Geschichte und seiner bisherigen Herren. Davon war jeder blutrünstiger als der andere. Unmittelbar nach der Thronbesteigung, die nur mit viel Blutvergiessen zustande kam, musterte der Padischah die umstehenden Würdenträger des Palastes: "Wen von euch werde ich wohl als Ersten umbringen?" (S. 112) Zunächst muß Habesch Aga selbst den Kopf aus der Schlinge ziehen, die die Mutter des Padischah für ihn vorsieht. Trotz grausamster Szenen, die religiös gerechtfertigt werden (bei äußersten Grausamkeiten ist oft Religion im Spiel): "Die Entscheidung des Padischah ist ein Befehl Gottes, und jedermann muss sich Gottes ratschluß beugen" (S. 163), ist der Roman packend. Erstaunlich ist treue Anhänglichkeit der Diener und Würdenträger am Hof. Von den Haremsdamen kann kein Widerstand kommen: sie werden ab der Kindheit wie Sklavinnen gehalten. Wer meiner eingangs genannten Einschränkung nicht traut, lese Habesch Agas Worte, der als Eunuch als einziger Mann Zugang zum Harem hat:
"Der Harem ist eine Welt des Weinens und der Trauer. Der Harem beflügelt die Fantasie aller, die außerhalb leben. Ja, er machte sogar den Botschafter Habsburgs so trunken vor poetischer Liebe, dass er fast den Verstand verlor. Doch nie war der Harem ein Paradies der Liebe, des Gesangs und Tanzes, in dem schöne Frauen schwanengleich über die Wasser gleiten. Die sehnsüchtige Vorstellung, wonach die schönen Frauen im Dampfbad ihre von Hitze gerötete Haut pflegen, haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Denn die Frauen altern in den dunklen und feuchten Ecken des Harems. Sie verblühen unbeachtet und werden fett. Die Schwere ihrer lebenslangen Freiheitsstrafe drückt sich bald in ihrem gewaltigen Körperumgfang aus. Ihre einzige Abwechslung ist der Klatsch. Das Geflecht der Intrigen und Eifersüchteleien ist unerträglich und gibt ihnen immer wieder zu Weinkrämpfen Anlass." (S. 133)
So sprach Habesch Aga, Eunuch von Konstantinopel.
Wer sich davon und von den Grausamkeiten der sonderbaren Baumfrüchte (vergleiche Billie Holiday: "Strange Fruits") nicht abschrecken lässt, den erwartet eine märchenhafte Geschichte aus dem Osmanischen Reich. In einer Augustnacht brennt die Hitze und es wehen eisige Winde (S. 64) und es passiert, dass der Wind einen bestimmten Baum ausspart (S. 69). Die Machtmetaphern finden ihre Groteske in der Macht der Hunde als "die wahren Herren der Stadt" (S. 152).
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livaneli   Zülfü Livaneli Eunuch KonstantinopelZülfü Livaneli. Der Eunuch von Konstantinopel.Zürich: Union, 2002. Broschiert, 192 Seiten. Zülfü Livaneli Eunuch Konstantinopel
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