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Margriet de Moor
Margriet de Moor: Erst grau dann weiß dann blau
[Eerst grijs dan wit dan blauw]. Heike Baryga, Übs. München: DTV, 1998. Broschiert, 280 Seiten
Zwei Ehepaare leben anscheinend sorglos in einer kleinen holländischen Stadt. Doch beide Paare haben (mindestens) ein Problem. Robert und Magda haben eine Kapriole Magdas zu überwinden: sie verschwand ohne Vorzeichen für zwei Jahre aus der Mittelschichtidylle. Sie kehrt zurück, als ob nichts gewesen wäre, ohne irgendwelche Erklärungen.
Eric und Nellie, das zweite im Mittelpunkt stehende Paar, haben einen geistig zurückgebliebenen Sohn Gabriel, inzwischen schon 19 Jahre, der sich hauptsächlich mit dem Sternenhimmel und der Astronomie beschäftigt. Dafür bringt er anscheinend sehr viel Verständnis auf.
Doch eines Tages trifft Eric seinen Bekannten Robert in dessen Haus an: Magda grausam ermordet, er selbst mit geöffneten Pulsadern, aber überlebend.
Man kann die Geschichte nicht richtig weitererzählen ohne auf den Erzählstil Margriet de Moors einzugehen. Er ist anfänglich recht verwirrend, da sie ständig Erzählperspektive, Ort und Zeit wechselt. Da erzählt zuerst Eric in Ich-Form, ein paar Sätze später, springt die Autorin in das Bewußtsein von Magda und vielleicht auch um Jahrzehnte zurück. Das zwingt den Leser zum Mitdenken. Dazu kommt, daß die Sätze kantig werden, indem de Moor Reibendes oder Unvereinbares in einen Satz packt. Da stellt sich Eric seinen Nachbarn Robert als nichtssagenden Mensch vor, der immer etwas zu erzählen hatte (S. 17). In einer äußerst unbequemen Situation, meldet Eric den Mord an die Polizei in Roberts bequemen Lesestuhl (S. 32). Entweder habe ich mit dem Romanfortgang an den Stil gewöhnt oder die Autorin ließ nach: später vermißte ich diese kunstvollen Reibungen.
Nach Lesen des Klappentextes vermutete ich, daß man über Grund und Verbleib der zwei Jahre nichts erfährt und war darüber zum Lesebeginn enttäuscht. Doch: der Grund bleibt nebulös, die zwei Jahre werden aber ziemlich genau erzählt und das enttäuschte mich dann erneut, da nichts Großartiges dahintersteckt. Magda bereist die Orte ihres bisherigen Lebens in umgekehrter Reihenfolge. Sie führt, wie es scheint, ein ganz normales Leben in den zwei Jahren; das war mir zu bieder. Ich hatte erwartet: wenn sie schon radikal aus ihrer Welt ausbricht, daß sie ein völlig anderes Leben führt; oder aber auch den Leser darüber im Dunkeln läßt. Keins von beiden trifft hier zu. Möchte Magda nur mal eine Zeit frei sein? Oder für immer? Dann wäre ihre Rückkehr unverständlich. Auch in den zwei Jahren geht sie Bindungen ein.
Sonderbar erscheint mir die Haltung Roberts, der für mich konturlos blieb. Beim Verschwinden seiner Frau ohne ein Zeichen oder eine Nachricht reagiert er teilnahmslos: keine intensive Suche, keine Einschaltung der Polizei, keine Erkundung bei Verwandten oder Bekannten, keine Reflexion über das Warum. Im Gegenteil: "Er gewöhnt sich an ihre Abwesenheit" (S. 130) und obwohl er nichts über Magdas Verschwinden weiß, meinte er, sie könne jeden Moment zurückkehren (S. 130).
Auch bei ihrem Wiederauftauchen stellt er keine Fragen (oder doch nur schwach angedeutete), er sucht keine Aussprache. Umso verwunderlich ist der wahnsinnsartige Gewaltausbruch. Die wichtige Motivation bleibt auch im Falle des sonst eher blaßen Roberts verborgen. Während also der Plot gut ausgedacht aber nicht zufriedenstellend ausgeführt ist, wird dies durch den anregenden Stil des Romans mehr als wett gemacht.
Die Handlung überrascht immer wieder mal, so wenn angedeutet wird, daß Gabriel geistesgestörrt ("lebenslängliche Panik", S. 276) wird, da er die gereichten Brustnippel nach der Geburt unausstehlich fand. Ganz nebenbei (zu nebenbei) kommen gewaltige Themen zur Sprache. Nellie denkt über den behinderten Gabriel nach und nimmt sich vor, daß sie "so wahr ich hier stehe, dafür sorgen werde, daß ich ihn überlebe" (S. 277). Ankündigung eines Mordes?
Ein wichtiges Thema scheint der Autorin in diesem Buch zu sein, wie oft Zufälle das Leben bestimmen (S.120-121) und wie das Leben aufgrund von winzigen Änderungen in andere Bahnen geraten kann. So stellt Magda fest, "daß sich ganz in der Nähe des Lebens, in dem man zufällig gelandet ist, ein anderes befindet, das man seelenruhig genauso gut hätte führen können" (S. 169). Dieses Thema wird auch in einem hervorragenden Hörspiel von Günter Eich behandelt: "Die Andere und ich" (15 Hörspiele).
Ein anderes Seitenthema ist das Sehen. Eric ist Augenarzt und betont die Leistung des Hirns für die visuelle Wahrnehmung: Rein technisch kann ein Auge in der Lage sein so zu sehen, zur Wahrnehmung bedarf es aber wichtiger Verbindungen im Hirn (S. 35).
Arnold Schönberg gibt das Motto "Ich fühle Luft von anderem Planeten" (S. 5), das kann man als eine mögliche andere Welt interpretieren, in die man gerät, wenn man irgendwo im Leben eine andere Verzweigung nimmt, sei es scheinbarer Zufall (siehe oben genanntes Seitenthema) oder der bewußte Entschluß (siehe Magdas Versuch auszubrechen).
Der Buchtitel wird beim Tod eines Babys auf hoher See thematisiert. Beim Tod wird angeblich alles erst grau, dann weiß, dann blau (S. 195). Doch könnten es auch die drei Phasen der Handlung sein, mit dem weißen Mittelteil als Magdas Verschwinden. Oder ein Bezug auf Erde (grau), Wasser mit Gischt (weiß) und Himmel (blau).
Ein Roman, den man nach ein paar Jahren wieder lesen kann. Inzwischen vielleicht ein anderes Werk derselben Autorin?! Margriet de Moor erhielt 1990 den AKO-Literaturpreis, eine der wichtigsten literarischen Ehrungen in den Niederlanden, für ihren ersten Roman Erst grau dann weiß dann blau, der in elf Sprachen übersetzt wurde.
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Margriet de Moor Margriet de MoorMargriet de Moor. Erst grau dann weiß dann blau. München: DTV, 1995. Broschiert, 302 Seiten Margriet de Moor
Margriet de Moor. Erst grau dann weiß dann blau. München: Hanser, 1993. Gebunden. 272 Seiten Margriet de Moor
eich Günter EichDas oben empfohlene Hörspiel "Die Andere und ich" und noch zahlreiche andere lesenswerte findet man in: Günter Eich. Fünfzehn Hörspiele. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Broschiert, 598 Seiten. weiter in der Rezension

Margriet de Moor
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 17.1.2003