Szczypiorski, Andrzej: Die schöne Frau Seidenman[Poczatek]. Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 1991. 268 Seiten |
| In 21 Kapiteln wird ein Blick auf das Warschau während des
1.Halbjahrs 1943 gegeben. Die handelnden Personen sind anschaulich geschildert
und überzeugend. Die Bilder und Personen hängen in einer losen
Handlung zusammen. Bei allen Personen bezieht der polnische Autor auch einen
Ausblick auf die Zeit nach dem Krieg mit ein. Gerade dadurch wird zwar das
Geschehen noch glaubwürdiger, andrerseits werden die scheußlichen
Verhältnisse unter der deutschen Beherrschung von Warschau relativiert, so
nach dem Motto: was nützte das zufällige Entkommen 1943, sie oder er
hatte eh nicht mehr lang zu leben. "Es gab keinen spezifischen Unterschied
zwischen einem auf den Straßen des besetzten Warschau erschossenen alten
Mann und seinem Altersgenossen, der ein Dutzend Jahre später am Krebs
starb" (S.203). Ein weiteres retardierendes und relativierendes Element
wird stilistisch eingeführt. Ganze Kapitel sind von politischen und
philosophischen Überlegungen geprägt. In diesen und auch den
Handlungen arbeitet Szczypiorski [nach meiner Kenntnis: Schtschipiorski] gut
die unglaubliche existentielle Barriere zwischen Besatzern und Verfolgten
heraus: "..zwischen ihnen erhob sich eine hohe Mauer. Solche Mauern fallen
nur beim Klang der Posaunen von Jericho, aber die Posaunen von Jericho
schwiegen." (S.196) Vielleicht sind diese Einlagen auch notwendig, um zu
erläutern und die Spannung in den Handlungsabschnitten vorzubereiten oder
zu mildern. Ein sehr gutes, empfehlenswertes Buch. |