| Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen Frankfurt am Main: Fischer 1997. 109 Seiten |
| Wer einmal
wirklich alle Klischees eines widerwärtigen Familienvaters kennenlernen
will, der greife zum schmalen Band Das Muschelessen.
Mutter, Tochter und Sohn warten bei einem Berg Muscheln auf die
Rückkehr des Vaters. Die achtzehnjährige Tochter beschreibt in einem
hundertseitigen Gedankenfluß - so ungefähr jeder zweite Punkt am Ende
eines Satzes fehlt - das bisherige Familienleben, Schwerpunkt Vater.
Ihre Formulierungen sind eher einer vierzehnjährigen angemessen. Je
weiter ihre Überlegungen fortschreiten, desto gräßlicher wird das
väterliche Ungetüm. Aus dem trauten Familienkreis wird ein
schreckliches Disastergemälde. Man frägt sich, warum die übrigen
Familienmitglieder das abscheuliche Gebaren soviele Jahre zugelassen
haben. Die Handlung am Abend ist spärlich, umso aufregender, mit
geschickter Steigerung der Spannung erleben wir die skizzierten
Ereignisse davor. Nicht die Familie wird demontiert, wie "die
tageszeitung" im Klappentext meint, sondern der tyrannenhafte
Familienvater, der jahrelang seine Familie ohne erkenntlichen
Widerspruch drangsalierte. So besehen kann diese Erzählung nicht
realistisch gemeint sein. In der Palette der schlechten Eigenschaften
findet wohl jeder männliche Leser ein paar, die auch auf ihn zutreffen;
sicher ist aber niemand dabei, auf den viele zusammenfallen: so ein
Scheusal würde kein Buch lesen. Der Stil ähnlich wie in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten wäre mir nach mehr Seiten auf den Geist gegangen. Mit 109 Seiten endete die Erzählung aber rechtzeitig mit einer Überraschung. Ein vergnüglicher Lesenachmittag. Empfehlenswert. |
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