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Heinrich von Kleist: Das Bettelweib von Locarno
Heinrich von Kleist: Das Bettelweib von Locarno
Sämtliche Werke und Briefe. Zweiter Band. München: Hanser, 1964. Seite 196-198 – Rezensionen (allgemein)
Die Erzählung Das Bettelweib von Locarno erschien 1810. In knapper und eindrucksvoller Weise schildert Kleist eine Begegebenheit, die wahrscheinlich auf dem Bericht seines Freundes Pfuel beruht (KLL 1482).
In einem Schloß bei Locarno im oberen Italien läßt die Frau des Marchese (Adelstitel im Rang zwischen Fürst und Graf) eine alte, kranke Bettlerin ein und schüttete ihr in einem der vielen Räume des Schlosses Stroh auf. Der heimkehrende Marchese duldet die Bettlerin dort nicht: es war das Zimmer, "wo er seine Büchse abzusetzen pflegte", die erste Feinheit (oder Gemeinheit); die Frau lag eh nur in einem Winkel, die zweite Feinheit (oder Gemeinheit). Er befiehlt ihr, hinter den Ofen zu gehen. Auf dem Weg dorthin rutscht die Frau aus und stirbt hinter dem Ofen.
Jahre später geht es dem Marchese wirtschaftlich schlecht und er will sein Schloß verkaufen. Im Zimmer der Bettlerin, das inzwischen prächtig eingerichtet war, übernachtet der Kaufinteressent. Doch anscheinend spukt es in den Räumen. Das schreckt mehrere Käufer ab, das Schloß kommt in Verruf. Der Marchese probiert es selbst aus, zunächst alleine, die nächste Nacht mit Frau und Hund. Es spukt tatsächlich. Die Marquise flüchtet vor Schreck in die Stadt und sieht beim Zurückblicken das Schloß in Flammen. Der Marchese hat es, dem Wahnsinn verfallen, selbst angezündet und kommt darin um.
Die Geschichte endet mit: "... noch jetzt liegen, von den Landleuten zusammengetragen, seine weißen Gebeine in dem Winkel des Zimmers, von welchem er das Bettelweib von Locarno hatte aufstehen heißen."
Damit gibt Kleist den Schlüssel, den es eigentlich nicht mehr bedurft hätte. Die harte Vorgehensweise des reichen Adeligen gegen die Bettlerin wird bestraft. Doch wie groß war die Schuld des Marchese? Er hätte – ähnlich wie die Reichen der Großstädte ihre Viertel bewachen lassen oder die reichen Länder ihre Grenzen gegen Flüchtlinge (Ausländer in Deutschland Ausländer in Deutschland) abschotten – die Bettlerin hinauswerfen können. Er wies ihr den (minderen) Platz hinterm Ofen an. Die Strafe (wirtschaftlicher Niedergang, Spuk und Wahnsinn) erscheint mir übertrieben.
Herbert Huber (ein zu mir gleichnamiger Philosophiedozent und Pädagoge, Heinrich von Kleist Das Bettelweib von LocarnoHerbert Huber, Türkheim) gibt eine andere, auf zahlreichende Mythen und Märchen zurückgehende Erklärung. Stirbt jemand vor Ablauf seiner Lebensspanne durch fremde Schuld muß er die fehlende Zeit spukend überbrücken (Menschen Märchen Mythen. Sinnbilder vom Leben. Asendorf 1990. S.93)
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Heinrich von Kleist Heinrich von Kleist Das Bettelweib von LocarnoHeinrich von Kleist. Sämtliche Erzählungen. Ditzingen: Reclam, 1984. Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleist. Die Marquise von O. Das Bettelweib von Locarno. Wolfgang Hinze (Mitarbeiter). Naxos, 2001.Heinrich von Kleist Das Bettelweib von Locarno

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