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Wilhelm Raabe Else von der Tanne
Wilhelm Raabe: Else von der Tanne
oder das Glück Domini Friedemann Leutenbachers, armen Dieners am Wort Gottes zu Wallrode im Elend
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Lynchjustiz am Ende des Dreißigjährigen Krieges!
Friedemann Leutenbacher, Pfarrer des durch den Dreißigjährigen Krieg verarmten Harzdorfes Wallrode, bereitet seine Weihnachspredigt im Jahre 1648 vor. Seine Gedanken wandern zurück. Vor zwölf Jahren floh der Magister Konrad mit seiner Tochter Else aus Magdeburg in die Nähe des Dorfes; mit ihnen ein schwarzes Roß und vier wolfsähnliche Hunde. Sie hausen zunächst bei einer Tanne und bauen dort mit Hilfe der Dorfbewohner (die erst durch klingende Münze überzeugt werden müssen, den Fremden zu helfen) eine Hütte. Doch die Hütte bei der Tanne weit ausserhalb des Dorfes steht in schlechtem Ruf. Nur ein lichtscheuer Sonderling kann sich an diesem unheimlichen Ort verbergen. Else gar, von Raabe liebevoll und legendenhaft geschildert, gilt als Hexe. Friedemann versauert in seiner Umgebung. Das führt so weit, daß er sein eigenes Echo fürchtet und sein Bild im klaren Wasser scheut. Als einziger pflegt er Kontakt zu den Hüttenbewohnern. Else von der Tanne versteht die Sprache der Tiere und Friedemann lernt vom Kinde. Bei ihr findet er endlich Frieden.
Zum Johannistag kommen Konrad und Else zur Meßfeier ins Dorf. Ein Reh begleitet Else durch den Wald und bleibt am Waldrand, unmittelbar vorm Dorf, zitternd stehen. Vor der Kirche warnt ein altes Weiblein vorm Kirchgang. Die Einheimischen begegnen den Fremden mit Unfreundlichkeit. Vor der Kirche regt sich die Menge: "Die Hex! die Hex! der Hexenmeister!" – "Was wollen sie hier?" – "Schlagt sie – treibet sie von dannen – räuchert sie aus!" Trotzdem treten Konrad und Else in die Kirche. Da legen Bewohner Graberde und einen Lindenzweig vor die Kirche um die Fremden zu bannen. Nach der Feier verlassen Konrad und Else die Kirche und die Massenpsychose eskaliert. Stöcke und Steine, Erdklöße von den Gräbern, Totengebeine werden gegen Konrad, Else und Friedemann geschleudert. Ein scharfkantiger Kiesel trifft die Jungfrau Else auf die linke Brust. Sie wird bewußtlos und wird so zurück in den Wald getragen, wo schon das Reh stand und auf die Herrin wartete.
Doch genau in der Weihnachtsnacht, also etwa ein halbes Jahr später stirbt Else. Friedemann verzweifelt und irrt wie ein Wahnsinniger im Wald herum. Am zweiten Weihnachtstag finden Bauern seine Leiche.
Else von der Tanne ist eine Flüchtlingsgeschichte aus der Schwedenzeit des Dreißigjährigen Krieges. Sie passiert aber auch heute noch (Kirchenasyl Kirchenasyl in Bayern und anderswo). Die Erzählung beleuchtet den religiösen Hexenwahn und -verfolgung. Pikant schien mir, daß die Hexenverfolger und gläubigen Christen die Kirche mit Zauber belegen, damit Hexe und Hexenmeister gebannt würden. Die Zuwanderung fremder Familien war schon vor Jahrhunderten unbeliebt (um es gemässigt auszudrücken); heute immer noch. Siehe dazu passende Zitate, beispielsweise Beckstein Zitate von Günther Beckstein, CSU: "Denn es gibt zur Ausreise keine Alternative".
Else von der Tanne entstand 1862-64 in Stuttgart und erschien 1865 in der Zeitschrift "Freya". Sie ist gut lesbar und sehr zu empfehlen. Die übernatürliche Reinheit Elses darf man nicht als Kitsch auffassen (Reh, Taube), sondern sollte den legendenhaften Charakter erkennen und würdigen. Die Kirchgänger steinigen eine Art von Heilige. Den Hintergrund des krieg Dreißigjährigen Krieges zeichnet Raabe mit realistischen Bildern.
Sekundärliteratur
Adler, Max: W. Raabes Else von der Tanne. Ein Beitrag zur Würdigung der neuen deutschen Literatur. Halle a. S. 1904. 18 S. Beilage zum Jahresbericht der Lateinischen Hauptschule in den Franckeschen Stiftungen zu Halle a. S.
Cremer, Günter: "Gott oder Satan? Negierte Heilsbotschaft und Nihilismus in Raabes Erzählung »Else von der Tanne«". In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft. (2000).
Czapla, Ralf-Georg: "Mythen im Wandel: Zur nordischen Mythologie in Raabes »Else von der Tanne« und Arno Schmidts »Die Wasserstrasse«". In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft (1996). S. 69 - 91.
Hotz, Karl: "Raumgestaltung und Raumsymbolik in Wilhelm Raabes Erzählung »Else von der Tanne«. In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft (1968) S. 83 - 90.
Oppermann, Hans: "Mythische Elemente in Raabes Dichtung". In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft (1968) S. 49 - 82.
Links
Wilhelm RaabeWilhelm Raabe: Else von der Tanne online bei Gutenberg
RaabeFriedrich-Engels-Gymnasium, Berlin: Else von der Tanne
raabe Wilhelm Raabe
raabe Mythische Motive in »Else von der Tanne«
Literatur
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Wilhelm Raabe RaabeWilhelm Raabe. Else von der Tanne. Ditzingen: Reclam. Broschiert, 47 Seiten. Raabe
Wilhelm Raabe: Else von der Tanne; Deutscher Mondschein. Hamburg: Iselt. Hamburger Lesehefte, Nr.89.Else von der Tanne
Dreißigjähriger Krieg
Der Augsburger Religionsfriede von 1555 spielte bei der Auslösung des Dreißigjährigen Krieges eine weitreichende Rolle spielte. Es entwickelte sich ein europäischer Religions- und Staatenkonflikt, der aus dem konfessionellen Gegensatz im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und dem Gegensatz zwischen Habsburgermonarchie und Ständen entstand und auf deutschem Boden 1618 bis 1648 ausgetragen wurde. Die Protestanten kämpften um die Anerkennung ihrer Konfession, die Katholiken hingegen um deren Eindämmung.
Der Dreißigjährige Krieg, bereits 1645 so bezeichnet, wurde auch – eher irreführend – "teutscher Krieg" genannt.
1648 setzte der Westfälische Frieden in Münster und Osnabrück einen Schlussstrich unter drei Jahrzehnte kriegerischen Gemetzels im Namen der Religion. Der Dreißigjährige Krieg brachte Elend und Not und führte zu einem fast vierzigprozentigen Bevölkerungsverlust an den Hauptkriegsschauplätze.
Teilweise: (c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999
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Bedürftig Wilhelm Raabe Else von der TanneFriedemann Bedürftig. Taschenlexikon Dreißigjähriger Krieg. München: Piper, 1998. Broschiert, 261 Seiten. Barudio
Günter Barudio. Der Teutsche Krieg. 1618 - 1648. München: Btb Goldmann, 1998. Broschiert, 601 Seiten.Wilhelm Raabe Else von der Tanne

Wilhelm Raabe Else von der Tanne
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