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Wilhelm Raabe Else von der Tanne
Mythische Motive in »Else von der Tanne«
raabe Sekundärliteratur
In Raabes Erzählung »Else von der Tanne« tauchen viele mythische Motive nordischen, heidnischen und christlichen Ursprungs auf.
Die wichtigen Zeitpunkte sind Weihnachten 1648 und der Johannistag 1648.
Dies zeigt die Gliederung deutlich.
A Pfarrherr Friedemann Leutenbacher und das vom Dreißigjährigen Krieg schwer gebeutelte Dorf Wallrode im Elend werden am Weihnachtsvorabend dem 24.12.1648 vorgestellt.
B Im September 1636 werden Magister Konradus und Else eingeführt.
      1. Zwischenstück am Weihnachtsvorabend: Gedanken über Leutenbachers Wandlung
C 1637 Annäherung Leutenbachers mit Konradus und Else
      2. Zwischenstück am Weihnachtsvorabend: Else von der Tanne: "Vierzehn lange, lange Wochen"
D Johannistag 1648
E Elses und Friedemanns Tod am Weihnachtsvorabend
Der Johannistag wird am 24.6. als Geburtsfest Johannes' des Täufers gefeiert. Es ist – ähnlich wie Weihnachten – ein christliches Fest heidnischen Ursprungs: Volksbräuche wie Sonnwendfeiern, Johannisfeuer, Tanz der Mittsommernacht.
Am Johannistag in »Else von der Tanne« lynchen die christlichen Kirchgänger die vermeintliche Hexe. Dazu ist die Episode der Annäherung Konrads an Friedmann wichtig. Konrad sucht für seine kranke Tochter das Kräutlein Hyperikum, das Sankt Johanniskraut.
Johanniskraut (Hartheu, Hypericum), Gattung der Hartheugewächse. Das bis einen Meter hohe Johanniskraut hat Öldrüsen in den Blättern und goldgelbe, schwarz punktierte und gestrichelte Blüten. Es ist ein Mittsommerkraut und das wichtigste Kraut gegen (winterliche) Depressionen.
Obwohl Konrads Naturheilkünste nur Friedemann Leutenbacher bekannt sind, geraten die Bewohner der Hütte bei der Tanne in den Ruf der Magie und Hexerei.
Zu Weihnachten wird dann Friedmann an das Todeslager Elses gerufen. Die Christen feiern die Geburt Jesus', Else und Friedemann finden den Tod. Aus obiger Gliederung sieht man, daß vier Erzählteile am Weihnachtsabend handeln; das Weihnachtsfest wird jedesmal erwähnt [1]. Allerdings ist in »Else von der Tanne« Weihnachten mit Dunkelheit, schwerem Schneefall und Tod verbunden.
Mit Friedemann verbinden sich weitere mythische Elemente. er trägt um seine handgelenke blutigrote Spuren und Striemen. Das erinnert an die Wundmale des gekreuzigten Jesus. Sein Schicksal und seine Wunden stehen damit metaphorisch für das deutsche Volk ("Er war sehr betrübt und dachte, während er so stand, wie das deutsche Volk gleich ihm mit gefesselten Händen, zerschlagen und blutig, herausgeschleppt sei und niedergeworfen.") und für Jesus und dessen Wundmale. Der schwedische Trunk, den er probieren muß, soll Jauche sein (Czapla 73; raabe Sekundärliteratur) und erinnert an den Wein mit Galle gemischt kurz vor der Kreuzigung (Matt. 27,34) und den Schwamm mit Essig während der Kreuzigung (Matt. 27,48). Andrerseits wird das Eintreffen Elses im Dorf ähnlich der Geburt in Bethlehem geschildert: "Da ging auch der junge Pfarrer Friedemann Leutenbacher in den Wald hinaus und fand alles so, wie man ihm erzählt hatte".
Mythisch und legendenhaft mutet den Leser auch das Verhältnis der beiden Protagonisten zur Natur an. Während Konrad und Else mit einem schwarzen Roß und vier wolfsähnlichen Hunden an der hohen Tanne eintreffen, wird Else später von einem zahmen Reh und einer Taube begleitet. "Else von der Tanne verstand die Sprache der Tiere, des Windes, des Lichtes ganz anders und viel besser als der Pfarrherr, und der Pfarrherr hatte viel mehr von dem Kinde zu lernen als das Kind von ihm".
Friedemann hat zuhause nur eine weiße Katze. Auf seinem schweren Gang zu Elses Todesbett begegnet er jedoch einem Wolf. Dieser "griff den irrenden Wanderer so wenig an, wie er die irre Justine angegriffen hatte; mit winselndem Geheul wich er in das Innere der Grube zurück".
Die Wesensgleichheit zwischen Else und Friedmann wird noch durch zwei weitere Indiz verdeutlich.
  1. "Seit langen Jahren wagte Friedemann nicht mehr, das Echo mit seiner Stimme zu lustigem Gegenruf zu erwecken; er fürchtete sich vor der Stimme des Waldes, die seiner Verlassenheit spottete. Oft fuhr er schaudernd zurück vor seinem Bild im Quell oder im dunkeln, geheimnisvollen Waldteich". Mit Else wird Friedemann zum Friedenmann. Seine Furcht vorm Gegenbild ist erlöscht. "Es war ein ander Ding, mit dem kleinen Mädchen am Weiher mitten im dunkeln Forst zu sitzen, als allein mit der Furcht vor dem eigenen Bild im Wasser."
  2. Die Wesensgleichheit führt dazu, daß nach dem Tod Elses auch Friedmann dem Tod geweiht ist. "Else von der Tanne führte die Seele des Predigers aus dem Elend mit sich fort in die ewige Ruhe." Friedemann "ging hinüber auf dem Wege, den Else von der Tanne gegangen war."
Die nordische Symbolik (Odin, Sleipnir) wird von Ralf-Georg Czapla in "Mythen im Wandel" erläutert: raabe Sekundärliteratur).
Der legendhafte Charakter von »Else von der Tanne« schlägt sich auch im Stil nieder. Zusammen mit der Symbolik (Reh, Taube) darf er nicht mit Kitsch verwechselt werden. Zu den bereits zitierten Passagen hier noch zwei Beispiele für die gekonnte Stilistik Raabes. "Mit Wunder erhub sich nun auch der Pastor von seiner Arbeit, trat auf die Gasse und ging mit dem Boten zum Gemeindeplatz, fand auch, daß es so war, wie ihm mit fliegendem Atem berichtet wurde." – "... und bis an der Welt Ende lagen die Erschlagenen und wurden nicht geklaget noch aufgehoben, noch begraben."
Mythisch sind vorausahnende Episoden, in denen Friedmann und Else gewarnt werden.
Zunächst wird in der Vornacht Friedmann gewarnt und heimgesucht, denn es "lag über den Bergen jenseits des Dorfes ein fernes Gewitter, dessen Blitze er leuchten sah, dessen Donner er aber nicht hören konnte. Die ganze Nacht hindurch war er von bösen, angstvollen Träumen geplagt".
Beim Kirchgang wird Else zweimal gewarnt.
  1. "Bis an den Rand des großen Waldes ging das Reh freudig mit der Herrin, wie im Tanz; doch als ein letzter lustiger Sprung unter den letzten Bäumen es plötzlich in das helle Sonnenlicht brachte, da fuhr es in jähem Schreck zusammen und zurück. Zitternd stand's und sah nach dem Dorf hinunter, und dann gebärdete es sich ganz seltsam und wollte in keiner Weise leiden, daß die Jungfrau fürderschreite und den grünen Schatten verlasse."
  2. Und die "alte Frau hob, als die Jungfrau vorüber schritt, das Haupt von den Knien, winkte mit der dürren Hand und rief mit heiserer Stimme: »Hüt dich, hüt dich Mägdlein! Hüt dein jung Leben, Liebchen. Dein Schatten gehet vor dir, fall nicht über deinen Schatten! Wer fällt, fällt in seinen Schatten, und nicht alle stehen wieder auf.«".
Warnungen vor drohendem Unheil kennt man aus den griechischen Mythen.
Sicher sind zu den aufgeführten Punkten weitere Belegstellen auszumachen. Andere mythische Bezüge werden bei genauer Lektüre, zu der diese Überlegungen ermuntern möchten, entdeckt.
[1] Oppermann irrt, wenn er schreibt: "Daß die Erzählung in der Weihnachtsnacht spielt, wird nur einmal erwähnt" (S. 56). Oppermann, Hans: "Mythische Elemente in Raabes Dichtung". In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft (1968) S. 49 - 82. zurück
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