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Heinrich Mann Untertan
Heinrich Mann: Der Untertan
Berlin: Aufbau, 1979. 476 Seiten – mann Linksmann Literatur
Der weltliche Aufstieg, Heranbildung und geistiger Abstieg von Diederich Heßling begeisterte mich. In der Kleinstadt Netzig (fiktiv, doch es soll Manns Geburtsstadt Lübeck gemeint sein [KLL]) am Ende des 19. Jahrhunderts geht Diederich zur Schule, kommt zum Militär, studiert und wird promoviert. Während seines Studiums erhält er die Chance mit Agnes Göppel in eine liberale Familie einzuheiraten. Er vertut sie, zu sehr schon ist der wilhelminischen Untertanengeist verfallen. Wie so oft handelt er zunächst ganz vernünftig, doch im Nachhinein überdenkt er sein verhalten und befürchtet hereingelegt worden zu sein. Ein Beispiel aus späterer Zeit:
"Gott bewahre!" sagte er laut und wälzte sich herum. "Ich lasse mich auf die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die Weiber sind raffiniert genug dafür. Ich werf sie hinaus, wie es sich gehört!" (S. 374)
Einige amourösen Techtelmechteln führen zu nichts. Der Stolz Diedrichs – und nicht nur seiner – gebietet: "Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder!" (S. 376). Ehre, Pflicht, Gottesfurcht und Sittlichkeit wird hochgehalten (leitkultur deutsche Leitkultur), meist nur, solange man im Haufen ist; typisch dafür ist schon die Demütigung des einzigen Juden in der Untertertia (S. 11), das Motto "Losschlagen, solange wir die Macht haben" (S. 51) und: "»Hurra!« schrie Diederich, denn alle schrien es" (S. 57). Kommt es auf Diederich selbst und allein an, wird er zum Drückeberger. Schließlich steigt Diederich trotz Unfähigkeit zum erfolgreichen Fabrikbesitzer auf und heiratet Diederich die reiche Guste Daimchen. Der Roman endet mit einer großartigen Kakophonie als bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals ein Unwetter losbricht.
Die Personen sind glänzend charakterisiert. Allen voran die Hauptperson, der Untertan. Sein Gegenspieler Wolfgang Buck charakterisiert ihn im Prozeß um die Majestätsbeleidung:
„Ich werde also nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht von Wilhelm II., sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn standen, und von großem Selbstbewußtsein, sobald sie sich gewendet hatten." (S. 222)
Der Roman gliedert sich in sechs Kapitel und ist sorgfältig komponiert. Die Spiegelung Kaiser und Nation versus Diederich und seine Untergegebenen, die Gleichführung Kaiser und Untertan sind auffällig aber nicht aufdringlich. Die jeweiligen Kapitelschlüsse führen den Untertan und sein Idol, den deutschen Kaiser, meist nur fiktiv, zusammen. Zweimal begegnet Diederich Wilhem II. auch direkt. Zu Beginn des sechsten Kapitels inszeniert Diederich ein Wettrennen von Zürich nach Rom um dort den Monarchen zu treffen. Dabei blitzt Heinrich Manns Humor (den er seinem Bruder Thomas gegenüber voraus hat) auf; auch in kleinen Szenen. Frau Heßling preist ihre heiratsfähigen Töchter: "Meine Töchter schneidern alles selbst." Der anwesende Jüngling Kienast griff das Stichwort auf und beugte sich über Magdas Bluse "behufs eingehender Würdigung" (S. 184). Überhaupt fielen mir kleine Szenen auf, die andere Autoren zu Kapiteln ausgebaut hätten. Ein Beispiel in drei Sätzen. Diederich hatte Lauer denunziert und ins Gefängnis gebracht. Später "glaubte er, im Hof des Gefängnisses eine Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –? Ein Gruseln überlief Diederich, und er enteilte" (S. 240).
Gerühmt wird Heinrich Mann für seine schier prophetische Gabe. Er artikuliert "das gesunde Empfinden des arbeitenden Volkes" (S. 249); der Untertan Diederich fühlt sich im Lohengrin heimisch: "Schwerter, viel rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung" (S. 327) und der schönste Kunstgenuß ist für ihn vor einem Wurstgeschäft (S. 79). Selbstverständlich beruft er sich auf Gott und sein Gewissen (S. 98). Die Beziehungen, die Begünstigung und Intrigen in der Kleinstadt, in der eine Hand die andere wäscht und sich die Raben gegenseitig nicht die Augen aushaken, sind Strukturen, die auch heute noch funktionieren (amigos Affären der CDU/CSU-Amigos). Ja, man kann sogar tagesaktuelle Bezüge (Oktober 2003) ausmachen: "Eines Tages sah Diederich sich veranlaßt, bekanntzugeben, daß er vom Versicherungsgeld nur Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde" (S. 409). Und Abweichler gab es im Reichstag (mehrere sozialdemokratische Abgeordnete blieben beim Kaiserhoch sitzen; S. 410), wie auch im Bundestag des Jahres 2003.
Die scharfe Analyse, Aufdeckung gesellschaftlicher und politischer Mechanismen, Stil und Personenführung machen den Untertan zu einer grandiosen Lektüre. Zum Ende hin will Heinrich Mann zuviel hineinpacken, da wird die Handlung zu hektisch und unübersichtlich. Der apokalytische Schluß und der Gesamteindruck entschädigen mehr als voll.
Andere Stimmen zum Untertan
"Leider: es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hieß Vaterlandsverräter und war kaiserlichseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu schütteln." (S. 318)
Kurt Tucholsky: "Der Untertan" (1919), in: Ausgewählte Werke. Reinbek 1965. S. 318-323.
"Die schärfste (und prophetische) Analyse nationalistischer Politik und Machtverhältnisse unter der Regierung Kaiser Wilhelms II., die in der zeitgenössischen deutschen Literatur zu verzeichnen ist."
Wilfried F. Schoeller in Kindlers Literaturlexikon
"Der Untertan ist Heinrich Manns berühmtestes Buch geworden und geblieben, man muß kaum etwas darüber sagen, nur glaube ich nicht, daß das sein bestes Buch ist, die ungeheuer scharf umrissenen Figuren erlauben fast keinen Zugang zu ihnen außer dem, den der erbittert zuschauende Geist haben soll." (S. 885) Rolf Vollmann: Die wunderbaren Falschmünzer. Frankfurt am Main, 1997.
Vergleichsliteratur
kazuo Kazuo Ishiguro: The Remains of the Day
tolstoj Leo Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch
Links
mannHBS - Hamburger Bildungsserver
Literatur
Kantorowicz, Alfred: "Heinrich Mann. Der Untertan". In: Fritz J. Raddatz, Hg.: ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher. Frankfurt 1980. S. 335-337; mann Übersicht: ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher
Scheuer, Helmut: "Heinrich Mann: Der Untertan". In: Interpretationen. Romane des 20. Jahrhunderts. Band 1. Stuttgart 1993. S. 7-54
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Heinrich Mann Heinrich MannHeinrich Mann. Der Untertan. Frankfurt am Main: Fischer, 1997. Broschiert, 493 Seiten. Heinrich Mann
Heinrich Mann. Der Untertan. Frankfurt am Main: Fischer, 2000. Gebunden, 495 Seiten.Heinrich Mann
mann mann untertanBoris Prem, Hg. Heinrich Mann: Der Untertan. Inhalt, Hintergrund, Interpretationen. München: Langenscheidt, 1997. Broschiert, 64 Seiten. Untertan
Jörg Schlewitt, Hg. Heinrich Mann: Der Untertan. Erläuterungen und Materialien. Bange, 2002. Broschiert, 99 Seiten.mann untertan
mann mann untertanWolfgang Emmerich. Heinrich Mann: Der Untertan. Text und Geschichte. München: Fink, 1993. Broschiert, 180 Seiten. UTB 974. - Uni-TB. 4. unveränd. Aufl. mann
Heinrich Mann: Der Untertan. 5 CDs. Heinz Drache, Heiner Schmidt, Gerd Baltus (Erzähler). HÖR Verlag, 2001mann untertan
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