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Kleist
Heinrich von Kleist: Die Marquise von O...
Sämtliche Werke und Briefe. Zweiter Band. München: Hanser, 1964. Seite 104-143 – Rezensionen (allgemein)
Gleich unterm Titel vermerkt Kleist: "(Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden)".
Der Hintergrund dazu ist mir unbekannt, siehe: Anregungen zur Erzählung, besonders August Lafontaine.
Im ersten Satz des Textes führt Kleist seinen Leser sofort an die ungeheure Begebenheit heran.
In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten. (S. 104)
Damit sind sogleich verschiedene Themen der Erzählung angesprochen.
  • mysteriöse Schwangerschaft
  • eine selbstbewußte Marquise bekennt sich öffentlich zu einer Schwangerschaft ohne Vater
  • sie bietet dem unbekannten Vater – ohne ihn zu kennen – die Heirat an
  • kurzum: die Marquise ist sehr emanzipiert für ihre Zeit.
Zudem wird der Leser gefesselt durch den Widerspruch: vortrefflicher Ruf, wohlerzogene Kinder – unerklärliche Schwangerschaft. da die Witwe Kinder hat kann es nicht am grundsätzlichen Wissen mangeln. Ansonsten gibt es Schwangerschaft nur durch den Geschlechtsakt. Das einzige Mal wo dies mehr oder weniger erfolgreich bestritten wurde, lag zum Zeitpunkt des Erscheines der Novelle mehr als 1800 Jahre zurück.
Im Rückgriff erzählt dann Kleist, wie es dazu kam. Beim Überfall der väterlichen Zitadelle brechen russische Truppen ein. Im letzten Augenblick (oder doch zu spät?) wird sie vom russischen Offizier, den Grafen F... gerettet.
Man schleppte sie in den hinteren Schloßhof, wo sie eben, unter den schändlichsten Mißhandlungen, zu Boden sinken wollte, als, von dem Zetergeschrei der Dame herbeigerufen, ein russischer Offizier erschien, und die Hunde, die nach solchem Raub lüstern waren, mit wütenden Hieben zerstreute. Der Marquise schien er ein Engel des Himmels zu sein. Er stieß noch dem letzten viehischen Mordknecht, der ihren schlanken Leib umfaßt hielt, mit dem Griff des Degens ins Gesicht, daß er, mit aus dem Mund vorquellendem Blut, zurücktaumelte; bot dann der Dame, unter einer verbindlichen, französischen Anrede den Arm, und führte sie, die von allen solchen Auftritten sprachlos war, in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen, Flügel des Palastes, wo sie auch völlig bewußtlos niedersank. Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, daß sie sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück. (S. 105-06)
Die Marquise Julietta versicherte, nachdem sie aus ihrer Ohnmacht erwachte, "daß sie keinen andern Wunsch habe, als aufstehen zu dürfen, um ihrem Retter ihre Dankbarkeit zu bezeugen" (S. 106); siehe dazu das Schwan-Motiv. Jedenfalls wird die Marquise schwanger, ohne zu wissen, von wem. Vom Vater wird sie daher verstoßen; sie zieht aufs Land. Die Marquise greift zur ungewöhnlichen Aktion und sucht den Vater ihres Kindes durch die eingangs genannte Zeitungsannonce. Es meldet sich der Graf F…, der schon nach der Erstürmung um ihre Hand angehalten hat.
Hiner der spannend ausgebauten Handlung geht es Kleist um die Konventionen, um die Unschuldsvermutung, die zumindest ihr Vater nicht walten läßt. Die Mutter ist mehr auf die Etikette bedacht:
[Mutter:] Besinne dich. Ein Fehltritt, so unsäglich er mich schmerzen würde, er ließe sich, und ich müßte ihn zuletzt verzeihn; doch wenn du, um einem mütterlichen Verweis auszuweichen, ein Märchen von der Umwälzung der Weltordnung ersinnen, und gotteslästerliche Schwüre häufen könntest, um es meinem, dir nur allzugerngläubigen, Herzen aufzubürden: so wäre das schändlich; ich würde dir niemals wieder gut werden. (S. 122)
Die Marquise gewinnt durch die Entwicklung zweifelsohne an Selbstbewusstsein. Anfangs ist sie sehr naiv bezüglich des Grafen (er erwähnt im Kampf ihren Namen "Julietta!" und sie glaubt, eine "Namensschwester" sei gemeint; S. 108) und der Schwangerschaft, die sie anfangs trotz einiger Anzeichen nicht glauben will und nach der Möglichkeit einer "unwissentlichen Empfängnis" fragt (S. 124).
Kleists Stil ist flüssig, ohne Schnörkel, geradezu meisterhaft. Die Thematik ist immer noch aktuell.
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Schwan Thinka
Graf F. ist mehrfach der Retter ähnlich Lohengrin, dem Elsa zuruft: "Mein Held, mein Retter! Nimm mich hin; dir geb ich alles, was ich bin!" (Richard Wagner: Lohengrin, I.3) Das Schwan-Motiv greift Kleist nach der Lohengrin-artigen Rettung beim Kampf um die Zitadelle nochmals auf, als der totgeglaubte Graf F. die Familie besucht und von seiner schweren Verwundung erzählt.
Hierauf erzählte er mehrere, durch seine Leidenschaft zur Marquise interessanten, Züge: wie sie beständig, während seiner Krankheit, an seinem Bette gesessen hätte; wie er die Vorstellung von ihr, in der Hitze des Wundfiebers, immer mit der Vorstellung eines Schwans verwechselt hätte, den er, als Knabe, auf seines Onkels Gütern gesehen; daß ihm besonders eine Erinnerung rührend gewesen wäre, da er diesen Schwan einst mit Kot beworfen, worauf dieser still untergetaucht, und rein aus der Flut wieder emporgekommen sei; daß sie immer auf feurigen Fluten umhergeschwommen wäre, und er Thinka gerufen hätte, welches der Name jenes Schwans gewesen, daß er aber nicht im Stande gewesen wäre, sie an sich zu locken, indem sie ihre Freude gehabt hätte, bloß am Rudern und In-die-Brust-sich-werfen; versicherte plötzlich, blutrot im Gesicht, daß er sie außerordentlich liebe: sah wieder auf seinen Teller nieder, und schwieg. (S. 116)
Hier kann man auch die Lösung der Frage, wer denn nun die Marquise geschwängert hat, finden. In der Kampfszene der Novelle ist die Antwort unklar. Sowohl die Soldaten als auch der Graf kommen in Betracht. Im Traum bewirft der Graf den Schwan ("Vorstellung von ihr") mit Kot.
Julietta, Marquise von O., hat von ihrem Retter, dem Graf F., eine verklärte Vorstellung. Deshalb gerät sie beim geplanten Treffen um 11 Uhr außer sich, als der Graf F. gemeldet wird.
Diesem Mann, Vater, sprach sie, als jene noch unter dem Eingang waren, kann ich mich nicht vermählen! griff in ein Gefäß mit Weihwasser, das an der hinteren Tür befestigt war, besprengte, in einem großen Wurf, Vater und Mutter und Bruder damit, und verschwand. (S. 141)
Diese lange Szene, in der sich Julietta dazu überwinden muß, daß Graf F. nicht nur der rettende Lohengrin, sondern auch der Vater ihres Kindes ist, mündet doch in Heirat und in Juliettas Eingeständnis:
... indem sie ihm um den Hals fiel: er würde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel vorgekommen wäre. (S. 143)
Anregungen zur Erzählung
Kleist brachte die Erzählung Die Marquise von O... im Juli 1807 aus dem Kriegsgefangenenlager Chalon mit. Sie wurde 1808 in der Zeitschrift "Phöbus" veröffentlicht. Ihr liegt vermutlich die Anekdote aus Michel de Montaigne: "Essai über die Trunksucht" (1588) zugrunde:
»In der Gegend von Bourdeaux bei Castres, wo sie ihr Haus hat, sagte eine Bauersfrau, eine Witwe von züchtigem Rufe, als sie die ersten Anzeichen von Schwangerschaft fühlte, zu ihren Nachbarn, daß sie sich guter Hoffnung glauben würde, wenn sie einen Mann hätte; aber als sie von Tag zu Tag in ihrem Argwohn bestärkt wurde und es endlich völlig offensichtlich war, entschloß sie sich, von der Kanzel verkündigen zu lassen, daß sie demjenigen, der sich zu dieser Tat bekenne, verzeihen und ihn, wenn er es gut finde, heiraten wolle. Ein junger Knecht ihres Hofes, ermutigt durch diese Bekanntmachung, erklärte, er habe sie an einem Fest nach reichlichem Weingenuß bei ihrem Herd so fest eingeschlafen gefunden und in so unschicklicher Weise, daß er die Gelegenheit nutzen konnte, ohne sie aufzuwecken: sie leben noch heute als Ehepaar zusammen.«
Als weitere Quellen werden genannt:
»Die gerettete Unschuld« Erzählung im »Berlinischen-Archiv der Zeit und ihres Geschmacks«, 1798. August Lafontaine: »Verbrechen und Strafe«, Novelle 1799, Handlungsort: O** bei Marburg
Miguel de Cervantes: »La fuerza de la sangre« [Macht des Blutes], Novelle aus der Sammlung Novelas ejemplares, 1613.
Verfilmung
1976 F/D Regie: Eric Romer; Darsteller: Edith Clever, Bruno Ganz, Edda Seippel; 102 Min.
Grosser Preis der Jury 1976 Cannes Film Festival; Deutscher Filmpreis: 3 x Filmband in Gold
1989 Regie: Hans Jürgen Syberberg; Darsteller: Edith Clever. D - 225 Min.
Julietta 2001 D Regie: Christoph Stark; Darsteller: Lavinia Wilson, Barnaby Metschurat, Matthias Koeberlin; nach Motiven von Heinrich von Kleists "Die Marquise von O..."
Sekundärliteratur
Renk, Herta-Elisabeth: "Heinrich von Kleist: Die Marquise von O...", in: Jakob Lehmann, Hg.: Deutsche Novellen von Goethe bis Walser. Interpretationen für den Deutschunterricht. Bd. 1. Von Goethe bis C. F. Meyer. Königstein, Taunus: Scriptor, 1980. S. 31-52
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kleist KleistHeinrich von Kleist: Die Marquise von O... München: Dtv, 1998. . . . Broschiert - 102 Seiten - Dtv Erscheinungsdatum: September 1998 ISBN: kleist
Heinrich von Kleist: Die Marquise von O... – Das Erdbeben in Chili. Ditzingen: Reclam, 1984. Broschiert Kleist
scholz KleistIngeborg Scholz: Heinrich von Kleist 'Über das Marionettentheater', 'Das Käthchen von Heilbronn', 'Das Erdbeben in Chili', 'Die Marquise von O. Hollfeld: Beyer, 2002. Broschiert, 85 Seiten

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 25.8.2004