Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Novelle
Rudolstadt: Greifen, 1974. 101 Seiten –
InhaltGeschichtlicher HintergrundStruktur und DeutungStilWirkungEmpfehlungSekundärliteraturLinksLiteratur
Es war Zufall, daß ich zur Novelle Mozart auf der Reise nach Prag just 200 Jahre nach Mörikes Geburt 1804 in Ludwigsburg griff. Mörike schrieb die Novelle zum hundersten Geburtstag des von ihm hochverehrten Komponisten. Sie zählt zu den berühmtesten Musiker-Novellen der Literaturgeschichte. Wer das Genie Mozart (und wohl auch den Autor Mörike) persönlich näher kennenlernen will, der greife zu dieser idyllischen unaufgeregten Lektüre.
Inhalt
Im Herbst 1787 reist Wolfgang Amadeus Mozart mit seiner Gattin Konstanze nach Prag zur Uraufführung seiner Oper Don Giovanni, deren Partitur Mozart, wie üblich, erst während der Reise und dann in Prag vollendet. In einem nicht genau bezeichneten Dorf mit einem kleinen Schloß, »Wohnsitz eines Grafen von Schinzberg« (S. 24) halten sie Mittagsrast. Mozart spaziert in den Schloßgarten und kommt über einen "unerhörte Begebenheit" (Goethe zur Novelle, novelleWikipedia, Novelle) in das Schloß. Die unerhörte Begebenheit betrifft einen Pomeranzenbaum (Bitterorange, Citrus aurantium), im Garten. Mozart soll zur Rechenschaft gezogen werden, doch in einer überraschenden Wendung wird der Meister erkannt und vom Grafen zur am selben Tag stattfindenden Verlobungsfeier seiner Tochter Eugenie eingeladen. Konstanz wird im Gasthof abgeholt und so bleibt das Ehepaar Mozart auf dem Schloß. Mörike nimmt dies zum Anlaß einiges Anekdotisches aus Mozarts Leben einzuflechten. Der Komponist spielt aus seinem Don Giovanni vor, Eugenie singt dazu. Erst am nächsten Tag werden die Mozarts zur Weiterfahrt entlassen.
Die Novelle endet mit Eugenies Todesgedanken, immer wieder zitiert.
Allein am Abend schon, bei den Erzählungen der Frau, war sie von leiser Furcht für ihn, an dessen liebenswertem Bild sie sich ergötzte, geheim beschlichen worden; diese Ahnung wirkte nachher, die ganze Zeit, als Mozart spielte, hinter allem unsäglichen Reiz, durch alle das geheimnisvolle Grauen der Musik hindurch, im Grund ihres Bewußtseins fort, und endlich überraschte, erschütterte sie das, was er selbst in der nämlichen Richtung gelegentlich von sich erzählte. Es ward ihr so gewiß, so ganz gewiß, daß dieser Mann sich schnell und unaufhaltsam in seiner eigenen Glut verzehre, daß er nur eine flüchtige Erscheinung auf der Erde sein könne, weil sie den Überfluß, den er verströmen würde, in Wahrheit nicht ertrüge. (S. 91-93)
Geschichtlicher Hintergrund
Anfang Oktober 1787 Mozart und Konstanze reisen von Wien, Landstraße Nr. 224 nach Prag.
6. Oktober: Die "Prager Oberpostamtszeitung" meldet: »Unser berühmter Herr Mozart ist wieder in Prag angekommen, und seit dem hat man hier die Nachricht, daß seine von ihm neu verfaßte Oper Das steinerne Gastmahl auf dem hiesigen Nationaltheater zum erstenmal gegeben wird.«
29. Oktober 1787 Uraufführung Don Giovanni
Mörike läßt das Paar schon am 11. September (»Am dritten Reisetag, den vierzehnten September ...«, S. 5) Wien. Der Autor erfand die geschilderte Rast völlig: es gibt weder Tagebuchnotizen noch Briefdokumente darüber. Was überzeugt und was Mörike in Übereinstimmung mit den bekannten biografischen Daten beibehielt ist das Bild des Menschen Mozarts, seine Arbeits- und Sprechweise.
Struktur und Deutung
Das eigentliche Geschehen konzentriert sich auf einen einzigen Tag, der auf dem Schloß des Grafen von Schinzberg ein recht bedeutsamer ist. Die Tochter feiert Verlobung und zahlreiche Gäste sind geladen. Die Bedeutung des Tages wird geadelt durch das zufällige Eintreffen der Mozarts. Wie ungeheuerlich das ist, kann man sich durch Übertragung in unsere Zeit vorstellen. Während den Vorbereitung zu einer Familienfeier (Verlobung gibt's wohl kaum noch) trifft im Dorf Prince, John Lennon, Bob Dylan oder Elvis Presley (nach eigener Vorliebe auch beliebiger anderer Musikstar einzusetzen) ein und macht bei der Feier mit. So ungefähr muß es gewesen sein.
Mörike schrieb 1855 an den Verleger der Novelle: "Meine Aufgabe bei dieser Erzählung war, ein kleines Charaktergemälde Mozarts aufzustellen, wobei, mit Zugrundelegung frei erfundener Situationen, vorzüglich die heitere Seite zu lebendiger, konzentrierter Anschauung gebracht werden sollte". Neben dem heiteren, sehr persönlichen Bild des Genie Mozarts beleuchtet Mörike auch seine Frau Konstanze und die Zeitumstände (Geselligkeit an einem kleinen Rokoko-Hofe). Ganz kurz bedauert Mörike (aus seiner Sicht von 1855, denke ich) die (musikalische) Entwicklung und läßt Mozart lachend sagen: »Je nun, im Lauf der nächsten sechzig, siebzig Jahre, nachdem ich lang fort bin, wird mancher falsche Prophet aufstehen.« (S. 89).
Beim Lesen wird man an eine klassische Oper Mozarts erinnert. Langweiliges Rezitativ wechselt mit episodenhaften Arien. Aus ganz verschiedenen Perspektiven setzt Mörike typische Begebenheiten aus der Vergangenheit ein. Das beginnt schon im dritten Absatz, in dem nicht der Erzähler die Postkutsche und die Bekleidung der Mozarts beschreibt, sondern dies die Baronesse von T. ihrer Freundin in einem Brief schreibt.
Auffallend ist Mozarts Lob der Natur, die ich so nicht erwartet hätte: »Gott, welche Herrlichkeit!« rief er, an den hohen Stämmen hinaufblickend, aus: »man ist als wie in einer Kirche! Mir deucht, ich war niemals in einem Wald und besinne mich jetzt erst, was es doch heißt, ein ganzes Volk von Bäumen beieinander!« (S. 8-9). In der Folge vergleicht er die Schönheiten auf seinen wahrlich vielen und ausgedehnten Reisen mit dem Hirsch, Eichhorn und Auerhahn (S. 9). Man diese Szene in Verbindung mit der vorhergehenden des ausgegossenen Parfüms sehen. In beiden freut sich das Wolferl über die Üppigkeit und freie Entfaltung der Düfte bzw. der Bäume.
Die fatale Parkepisode, wo Mozart unrechtmäßig die Pomeranze pflückt, erinnert an den Sündenfall im Paradies. Ich weiß dies aber nicht so einzuordnen.
Eine hilfreiche Deutung findet Birgit Mayer (mörike Sekundärliteratur). Sie interpretiert die vier Teile, so wie sie als Vorabdruck (mörike Wirkung) erschienen sind, anhand der vorangestellten Leisprüche des Autors. Es sind dies biografische Bemerkungen und Zitate von Goethe, Shakespeare, Horaz. Sowohl das Goethe-Zitat, als auch Horaz: "Dulce est despipere in loco" (mörike Zitate von Horaz), weisen auf die Verbindung von Lust und Ernst zur rechten Zeit hin.
Dieser Gegensatz des heiteren mit dem Ernsten begleitet die Novelle vom Anfang ([Mozart:] "Allmittels geht und rennt und saust das Leben hin — Herr Gott! bedenkt man's recht, es möcht einem der Angstschweiß ausbrechen!", S. 11-12) bis zum abschließenden Gedicht.
mörike Anfang
Stil
Mörike pflegt als Romantiker und Lyriker eine schöne Sprache. Genial paßt er aber seinen Mozart dem Wolfgang Amadeus, wie man ihn aus dessen Briefen her kennt, an.
Mir fiel auf, daß er Verneinungen oft ans Satzende stellt. Überraschungseffekt?
" ... verschmähte er Einladungen zu Festen, Zirkeln und Partien selten oder nie" (S. 12) – "Es wurden Erfrischungen gereicht, die unser Reisender im mindesten nicht schonte" (S. 34).
Wirkung
Spätestens seit 1852 arbeitete Mörike an dieser Mozart-Novelle. 1855, ein Jahr vor der 100. Wiederkehr des Geburtstags von Mozart, erschien der Vorabdruck in Morgenblatt für gebildete Stände, Nr.30-33. 1856 erschien Mozart auf der Reise nach Prag in Buchform.
Die Novelle wurde von Kritik und Publikum sehr gut aufgenommen. Vermittelt durch den Lyriker Emanuel Geibel (1815–84) erhielt der bayerische König Maximilian II. (1811–64) ein Exemplar des Werks und zeigte sich entzückt. 1939 wurde die Novelle unter dem Titel "Eine kleine Nachtmusik" verfilmt.
Empfehlung
Mozart auf der Reise nach Prag ist keine Novelle im Stil des 21. Jahrhunderts. Man sollte sich darauf einstellen, am besten mit Hintergrundmusik aus dem Don Giovanni. Ganz "hautnah" wäre dies: Mozart erzählt in der Novelle eine Begebenheit aus Neapel und trällert den Wechselgesang Zerlina, Masetto und Bauernchor: "Giovinette, che fatte all’amore", Don Giovanni I./7. (S. 48). Vielleicht lenkt das Vokale zu sehr ab, ein Divertimento oder andere Mozartsche Instrumentalmusik ist vorzuziehen.
Sekundärliteratur
Mayer, Birgit: "Antriebskraft Tod. Eduar Mörike: »Mozart auf der Reise nach Prag« (1855)", in: Winfried Freund, Hg.: Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München: Fink, 1993. Uni-Tb 1753. S. 145-154.
Wiese, Benno von: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen I. Düsseldorf: Bagel, 1967. S. 213-237.
Links
mörikeLinksammlung der FU Berlin
Online mörikeProjekt Gutenberg
mörikeMozart auf der Reise nach Prag und Erzählungen
mörikeMörike: Mozart, Klaus Dautel und Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM)
mörike Willi Birkmaier, Hg.: Mozart in Wasserburg
mörike Wolfgang Amadeus Mozart in der Literatur
mörike Alfred Einstein: Mozart. Sein Charakter – Sein Werk. Frankfurt am Main: Fischer, 1983
Literatur
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
mörike mörikeEduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. München: Dtv, 1997. Broschiert, 112 Seiten mörike
Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. DG, Audio-CD mit Mathias Wiemann, Helmut Lohner, Dorit Amann mörike
mörike mörikeEduard Mörike: Werke in einem Band. München: Hanser, 2004. Gebunden mörike
Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Naxos, 2000. 3 Audio-CDs mit Gerd U. Feller mörike
mörike Anfang


Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.9.2004, 17.3.2011