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Tell
Friedrich von Schiller: Wilhelm Tell
In: Schiller. Werke. Erster Band. München: Vollmer, o.J. 1131-1233 – Schiller LinksSchiller LiteraturSchiller Rezensionen (allgemein)
Den Inhalt des Dramas Wilhelm Tell wiederhole ich hier nicht, da er auf zahlreichen Webseiten nachzulesen ist (Schiller Links). Am einfachsten und sehr kompetent erfährt man den Inhalt durch Lektüre des Dramas oder durch Besuch einer Theateraufführung.
Dafür betone ich hier die Aspekte des Dramas, die mir bei der ersten nachschulischen Lektüre im Schillerjahr 2005 auffielen.
In Wilhelm Tell zeigt Schiller frappierend zahlreiche Merkmale diktatorischer Herrschaft auf.
  • Personenkult; zeigt sich in der Verherrlichung des Hutes, stellvertretendes Symbol des Tyrannen: I., 3.; zeigt sich aber auch in zahlreichen unterwürfigen Anreden der Obrigkeit.
  • blödsinnige Befehle nur um des Befehls willen; Gessler: "Ich begehrs und wills", III. 3.
  • blinder Gehorsam; dieser ist eine Synthese aus den beiden ersten Punkten.
  • Sippenhaft; I. 1., I. 4.;
  • sklavenartige Fronarbeit; I. 3.
  • Bespitzelung
    Walther Fürst: "Bleibt, wo Ihr seid. Wir sind umringt von Spähern."
    und kurz darauf:
    Walther Fürst: Verrat und Argwohn lauscht in allen Ecken,
    Bis in das Innerste der Häuser dringen
    Die Boten der Gewalt, bald tät es not,
    Wir hätten Schloss und Riegel an den Türen. I. 4.
  • Duckmäuserei; ein schwächere Form des blinden Gehorsams, für die auch Tell plädiert
    Tell: Die einz'ge Tat ist jetzt Geduld und Schweigen.
    Stauffacher: Soll man ertragen, was unleidlich ist?
    Tell: Die schnellen Herrscher sind's, die kurz regieren.
    - Wenn sich der Föhn erhebt aus seinen Schlünden,
    Löscht man die Feuer aus, die Schiffe suchen
    Eilends den Hafen, und der mächt'ge Geist
    Geht ohne Schaden, spurlos, über die Erde.
    Ein jeder lebe still bei sich daheim,
    Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden.
    Stauffacher: Meint ihr?
    Tell: Die Schlange sticht nicht ungereizt.
    Sie werden endlich doch von selbst ermüden,
    Wenn sie die Lande ruhig bleiben sehn. I. 3.
Tyrannen, wie beispielsweise die NS-Diktatur, schwanken zwischen Nutzung des Dramas für ihre Zwecke
Berta: – Kämpfe
Fürs Vaterland, du kämpfst für deine Liebe!
III. 2. Gemeint ist hier allerdings Rudenz Liebe zu Berta, nicht die Vaterlandsliebe
Gessler: Wer klug ist, lerne schweigen und gehorchen. IV. 3.
und Ablehnung, da im Wilhelm Tell vorgeführt wird, wie sich ein einig Volk wehren kann und soll und der Tyrannenmord befürwortet und begründet wird.
Stauffacher: Ist keine Hülfe gegen solchen Drang?
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht:
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last - greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel,
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen unveräusserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst -
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht -
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben -
Der Güter höchstes dürfen wir verteid'gen
Gegen Gewalt - Wir stehn vor unser Land,
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder! II. 2.
"In Deutschland war das Stück [Wilhelm Tell] zunächst als »National- und Führerdrama« hochgeschätzt. Doch 1941 realisierte Hitler, dass seine Person durchaus auch mit Gessler gleichzusetzen war. Er ließ das Drama daraufhin durch einen geheimen Erlass verbieten: »Der Führer wünscht, dass Schillers Schauspiel Wilhelm Tell nicht mehr aufgeführt wird und in der Schule nicht mehr behandelt wird.«". Barbara Piatti: "Ein unzerstörbarer Mythos nicht nur für die Schweiz", Das Parlament, 55.13/14, 2005, S. 13
Schiller macht es sich um den Leser nicht leicht. Der Tyrannenmord ist gerahmt von zwei Morden an der Obrigkeit, die keinesfalls eindeutig erlaubt sind (I. 1; V. 2). Im Gegenteil: der als Mönch getarnte Parricida soll für seinen Mord nach Rom ziehen.
Tell: – Ihr müsst fort
Ins Land Italien, nach Sankt Peters Stadt,
Dort werft Ihr Euch dem Papst zu Füßen, beichtet
Ihm Eure Schuld und löset Eure Seele. V. 2.
Der Nutzenethik (Kuoni: "Dem Nächsten muß man helfen, Es kann uns allen Gleiches ja begegnen", I. 1.) setzt Tell eine kantische Gesinnungsethik entgegen: "Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt" (I. 1.), die aber den Gemeinschaftssinn fehlen läßt:
Tell: Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst.
Stauffacher: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.
Tell: Der Starke ist am mächtigsten a l l e i n. I. 3.
Allerdings relativiert das Tell kurz danach:
Tell: Bedürft ihr meiner zu bestimmter Tat,
Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen. I. 3.
Abgewogen wird der Dienst an der Gesellschaft immer mit der Verpflichtung gegenüber der Familie. In wie weit dabei die Frauen und Kinder genügend berücksichtigt werden, müßte (und ist es sicher auch) untersucht werden. Die Frauen spielen nur scheinbar eine Randrolle. Zwei, Gertrud und Berta, sind "spielentscheidend". Gertrud rät ihren Mann, den Stauffacher, zur gemeinschaftlichen Tat ("Ertragen muß man, was der Himmel sendet, Unbilliges erträgt kein edles Herz." I. 2.). Berta pfeift Rudenz von seinem Liebäugeln mit den Österreichern zurück.
Gerade Tell ist ein zwiespältiger Charakter. Er zieht es zunächst vor nichts zu tun. Dann aber schnellt sein Pfeil auf seinen Sohn (in alttestamentlichem Gehorsam) während die Verhandlungen mit Gessler (III. 3.) noch laufen. Bei seiner Flucht vom Schiff läßt er alle übrigen Passagiere in der Patsche (IV. 1.).
Auffallend ist die düstere Schilderung der deutschen Tieflande. Sie liegen unter einem undurchsichtigen Nebelmeer. Hier flicht Schiller wohl, etwas verblümt, Kritik an die deutschen Lande ein.
Rösselmann: Bei diesem Licht, das uns zuerst begrüsst
Von allen Völkern, die tief unter uns
Schweratmend wohnen in dem Qualm der Städte, ... II. 2.
Tell: Das Land ist schön und gütig wie der Himmel,
Doch die's bebauen, sie geniessen nicht
Den Segen, den sie pflanzen.
Walther: Wohnen sie
Nicht frei wie du auf ihrem eignen Erbe?
Tell: Das Feld gehört dem Bischof und dem König.
III. 3. und die Kritik am grossen ebnen Land geht noch einige Zeilen weiter.
Zusammenfassung
Obwohl scheinbar alles recht durchsichtig abläuft, ist Wilhelm Tell vielseitig konstruiert und regt an über Solidarität, Hilfsbereitschaft usw. nachzudenken. Immer wieder mal lesenwert.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.5.2005