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adalbert stifter brigitta
Adalbert Stifter. Brigitta
Digitale Bibliothek Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, (vgl. Stifter-GW Bd. 2), 93 Seiten
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Als Schachspieler fuhr ich einst regelmässig nach Ungarn und lernte dort Land und Leute kennen. In Brigitta wird die Stimmung und das Leben in der Pußta eindrucksvoll und zutreffend geschildert, wenn auch ausschließlich aus der Sicht der Landeigner. Der Blickwinkel des Touristen ist ähnlich fixiert. Die Schilderung der ärmlichen Verhältnisse damals und hundertfünfzig Jahre später darf man in Brigitta nicht erwarten.
Adalbert Stifters Brigitta erschien 1843 im vierten Band der Studien (der Autor änderte es mehrfach um). Mir erscheint es in mancherlei Hinsicht eine Vorstudie zu seinem gewichtigen Altersroman Nachsommer (1857). Wer sich dessen detailreicher, ermüdender Erzählkunst nicht antun will (es grenzt an Masochismus), ist mit Brigitta gut beraten.
Der mehrmonatige Besuch beim Major, der den Erzähler einst in Italien zu sich nach Ostungarn eingeladen hatte, beginnt mit: "Da es nun eben Frühling war, da ich neugierig war, sein Ziel kennen zu lernen, da ich eben nicht wußte, wo ich hin reisen sollte, beschloß ich, seiner Bitte nachzugeben und seiner Einladung zu folgen". Genau das "da ich eben nicht wußte, wo ich hin reisen sollte" erinnerte mich an die Überlegung Ishmaels in Moby Dick. Er wußte eines Nachmittags auch nicht was tun, heuerte auf dem Walfänger Pequod an und blieb dort ein paar Jahre.
Das Thema der Erzählung Brigitta verrät Stifter aber schon vorher: "In dem Angesichte eines Häßlichen ist für uns oft eine innere Schönheit, die wir nicht auf der Stelle von seinem Werte herzuleiten vermögen, während uns oft die Züge eines andern kalt und leer sind, von denen alle sagen, daß sie die größte Schönheit besitzen." Wer hat sich nicht schon gewundert, warum der häßliche Mick Jagger immer wieder hübsche Gefährtinnen hat? (Oder sollte es nicht seine Häßlichkeit, sondern sein Zaster sein?)
Nun führt uns Adalbert in breitem Ton in die Steppe Ostungarns auf vier nahe bei einander liegenden Gutshöfen. Auf einem der Major mit seinem Gast, auf einem anderen die wilde Brigitta mit ihrem eigentümlich schönen Sohn. Erst ziemlich am Ende erfährt der Leser (ich habe es auch vorher nicht geahnt) die Zusammenhänge. Seltsam mutet die fünfzehnjährige Eigenbestrafung der beiden Protagonisten der Erzählung an. Schon vorher erinnerte mich der Melos der Erzählung an Sandor Marais Die Glut. Der Rahmen ist ähnlich. Doch was sich bei Marai auf eine Dreierbeziehung verengt, hat bei Stifter anspruchsvollere Tiefe. Die jahrelange Verstummung und Erfrierung zwischen den Eheleuten in Die Glut hat in Stifters eine eigentümlichen Vorgänger (hat Marai bei Stephan Murai abgekupfert?).
Trotz aller Naturverherrlichung empfand Stifter das Vogelgeschrei als lärmend: "Unten erbrauste der dunkle Park von dem Lärmen der Vögel, ...", ähnlich dem PC-Freak, der nichts mehr scheut als früh aufstehn, frische Luft und das Gebrüll der Vögel. Ich vermute eher eine Bedeutungsverschiebung bei "Lärm" hin zum Abwertenden, die es zu Stifters Zeiten noch nicht gab.
Der ausgezeichneten Magisterarbeit Hendrik Achenbachs entnahm ich, daß die wilden Mädchen bei Adalbert Stifter ein wichtiger Erzähltopos sind: Die Narrenburg (1844), Turmalin (1853), Katzensilber (1853) und Der Waldbrunnen (1866) werden von Achenbach ausführlich abgeklopft.
Wer das empfehlenswerte 80-seitige Brigitta leist, kann sich die mehr als 700 Seiten Nachsommer sparen. Protestemails werden beantwortet.
Verfilmung
Brigitta, Fernsehfilm, D 1994
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adalbert stifter brigittaAdalbert Stifter. Brigitta. Urfassung / Studienfassung. München: DTV, 1997. Taschenbuch, 186 Seiten
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Adalbert Stifter. Brigitta und andere Erzählungen. Zürich: Manesse, 1967. Gebunden, 621 Seitenadalbert stifter brigitta
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Sekundärliteratur (Auswahl)
Achenbach, Hendrik. Natur versus Kultur? ’Wilde Mädchen’ im Erzählwerk Adalbert Stifters. 31. März 1998. 120 Seiten. Verfügbar im Adalbert Stifter Brigittapdf-FormatAdalbert Stifter BrigittaHTML. Mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis.
Baumann, Christiane: "Angstbewältigung und »sanftes Gesetz«. Adalbert Stifter: »Brigitta« (1843)", in: Winfried Freund, Hg.: Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München: Fink, 1993. Uni-Tb 1753. S. 121-129.
Gutjahr, Ortrud, " Das sanfte Gesetz als psychohistorische Erzählstrategie in Adalbert Stifter's Brigitta". Psychoanalyse und die Geschichtlichkeit von Texten. Hg. Cremerius, Johannes, Gottfried Fischer, Urtrud Gutjahr, Wolfram Mauser, Carl Pietzcker. Würzburg: Königshausen, 1995. 320 Seiten.
Dittmann, Ulrich. "Brigitta und kein Ende". Jahrbuch des Adalbert Stifter Instituts 3 (1996). S. 24-28.
Dittmann, Ulrich. "Das Erzählschema in Stifters »Studien«". Adalbert Stifters schrecklich schöne Welt. Beiträge des internat. Kolloquiums zur A. Stifters-Ausstellung. Hg. R. Duhamel, J. Lachinger, C. Rutner, P. Göllner. Antwerpen 1993. S. 87-95.
Enzinger, Moritz. "Stifters Erzählung »Brigitta«". Gesammelte Aufsätze über Stifter. Hg. Moritz Enzinger. Wien 1967.
Hunter-Lougheed, Rosemarie. "Adalbert Stifter: Brigitta". Romane und Erzählungen zwischen Romantik und Realismus. Hg. Paul M. Lützeler. Stuttgart: Reclam, 1983.
Lehmann, Jakob. "Adalbert Stifter: Brigitta". Deutsche Novellen von Goethe bis Walser. Interpretationen für den Deutschunterricht. Band 1: Von Goethe bis C. F. Meyer. Hg. Jakob Lehmann. Königstein, Taunus, 1980. 326 Seiten. 227–253.
Mautner, Fritz H. "Randbemerkungen zu »Brigitta«". Adalbert Stifter. Studien und Interpretationen. Hg. Lothar Stiehm. Heidelberg: Lothar Stiehm, 1968.
Schimmer, Leopold. Individualpsychologische Literaturinterpretation. Alfred Adlers Individualpsychologie und ihr Beitrag zur Literaturwissenschaft. Frankfurt am Main: Peter Lang. 348 Seiten. "Die Individualpsychologie hat ein Konzept der Literaturtheorie geschaffen und ihre Vorstellungen in 16 Dichter- und 33 Werk-Interpretationen erprobt. Zur Ueberpruefung dieser Leistung werden einer Dichter-Interpretation (Friedrich Hebbel) und drei Werk-Interpretationen (Friedrich Schillers 'Verbrecher aus verlorener Ehre', Adalbert Stifters 'Brigitta' und Thomas Manns 'Tod in Venedig') andere Interpretationsansaetze gegenuebergestellt." Adalbert Stifter BrigittaZusammenfassung
Steinfeld, Thomas. "Kinder der Nacht Das Reformdrama hat ein Vorbild: Adalbert Stifters „Bergkristall“". Süddeutsche Zeitung, 16.12.2003, S.13.
Wiese, Benno von. "Adalbert Stifter: Brigitta". Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen I. Düsseldorf: Bagel, 1967. 196–212.
Zimmermann, Christian von. "„Brigitta“ – seelenkundlich gelesen. Zur Verwendung „kalobiotischer“ Lebensmaximen Feuchterslebens in Stifters Erzählung". Adalbert Stifter. Dichter, Maler, Denkmalpfleger und Schulmann. Neue Zugänge zu seinem Werk. Hg. Hartmut Laufhütte, Karl Möseneder. Tübingen: Niemeyer 1996. 583 Seiten. S. 410-434.
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