| Adelbert
von Chamisso. Peter Schlemihls wundersame Geschichte Stuttgart: Reclam 1997. 94 Seiten |
| Adelbert von Chamisso verarbeitet im
märchenartigen Peter Schlemihls wundersame Geschichte zahlreiche
bekannte Motive: Glückssack, der unentwegt Taler ausgibt;
Siebenmeilenstiefel; Händel mit dem Teufel. Das letztgenannte Motiv
beherrscht die gesamte, wohlgesponnene Erzählung, die Peter Schlemihl
selbst schildert. Peter tauscht seinen Schatten gegen einen Glückssack ein
und verzweifelt darüber. Warum der Verlust des Schatten so schlimm sein soll, wird nur angedeutet: Ordentliche Leute nehmen ihren Schatten mit (24). Später wird die Notwendigkeit des Schattens insbesondere für reiche Leute betont, und dazu zählt Peter mit seinem unerschöpflichen Talervorrat ja inzwischen: Ein Reicher muß in der Welt einen Schatten haben (64). Ein einfacher Mann schreibt das Fehlen des Schattens einer Krankheit zu (69). Der Teufel gibt Peter Schlemihl nur eine Möglichkeit, den Handel rückgängig zu machen: er soll ihm dafür seine Seele verschreiben. Das Motiv von Dr. Faust. Peter verzweifelt über seine Lage so sehr, daß er in ein Bergwerk gehen will, wo seine Schattenlosigkeit keine Rolle spielt. Doch es kommt anders. In der Vorrede zur französischen Übersetzung von Peter Schlemihls wundersame Geschichte äußert sich Adelbert von Chamisso zu den Interpretationsversuchen dazu: "Gegenwärtige Geschichte ist in die Hände von besonnenen Leuten gefallen, die, gewohnt nur zu ihrerBelehrung zu lesen, sich darüber beunruhigt haben, was denn wohl der Schatten bedeute. Mehrere haben darüber kuriose Hypothesen aufgestellt; andere, indem sie mir die Ehre erwiesen, mich für gelehrter zu halten, als ich es bin, haben sich an mich gewandt, um durch mich die Lösung ihrer Zweifel bewirkt zu sehen. Die Frage, mit welcher sie mich bestürmten, hat mich über meine Unwissenheit erröten lassen" (Reclamausgabe S.10-11). In der Folge beschäftigt sich Chamisso mit dem Schatten und gipfelt in der Essenz: "Mein unbesonnener Freund hat sich nach dem Gelde gelüsten lassen, dessen Wert er kannte, und nicht an das Solide gedacht" (11). Damit bleibt die Interpretation der Schattenlosigkeit jedem Leser überlassen. Ich meine sie paßt gut auf den Ruf eines Menschen; obwohl das Sprichwort: "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt's völlig ungeniert" dagegen spricht: Schelmihl hat ohne Schatten kein leichtes Leben mehr. Er verliert darüber sogar seine große Liebe, ausgerechnet an Rascal, einen seiner Diener, ein abgefeimter Spitzbube (33), der dann als reicher Rascal (58) seine Angebetete Mina heiratet. Auch diese eigenartige Verwandlung erklärt Adelbert seinen Lesern nicht. Natürlich kann der Schatten auch als Ruf einer Organisation verstanden werden. So paßt dies gut zur Bestechlichkeit von Politikern und Parteien. Doch auch dem steht entgegen, daß sich jene keiner Schuld bewußt sind und sich dabei recht wohl fühlen. Vergleiche dazu auch Amüsant, liebenswert, lesenwert. |
| Chamissos
Märchen Peter Schlemihls wundersame Geschichte findet auch in
Rußland Beachtung, siehe Leo Tolstoi: Anna Karenina, S. 167 ( |
| Literatur Treichel, Hans-Ulrich: "Der Schatten des Verschwindens. Adelbert von Chamisso: »Peter Schlehmihls wundersame Geschichte« (1814)", in: Winfried Freund, Hg.: Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München: Fink, 1993. Uni-Tb 1753. S. 37-45. Wiese, Benno von: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen I. Düsseldorf: Bagel, 1967. S. 97-116. |