Das Erstlingswerk Die Chronik der
Sperlingsgasse aus dem Jahr 1857 schrieb Raabe mit nur 26 Jahren. Umso
erstaunlicher, daß darin der alte Gelehrte Johannes Wachholder seine
wehmütigen Erinnerungen das der Berliner Sperlingsgasse niederschreibt.
Ich meine, statt Chronik müßte des Bunte Blätter oder Bilder
heißen, denn es ist ein zeitlich durcheinander gewürfeltes Mosaik.
Raabe verwendet darin recht modern Erinnerungen des Chronisten,
Erzählungen der Gassenbewohner, Briefe und Träume, die er lose
miteinander verwebt. Aus Wachholders umständlichen Verbindungstexten
muß man sich das "Fleisch" herauspicken.
Der
Journalist Dr. Wimmer flieht vor der Zensur aus dem Lande (S. 79ff). Er hatte
in der letzten Nummer der "Welken Blätter" die Obrigkeit getadelt: "...
Und wenn alle Esel dieser Maßregel Beifall brüllen sollten: ich kann
sie nur »bewimmern«" (S. 75).
Man
las das Volksbuch Reineke de Voß (S. 90); wahrscheinlich aus den
plattdeutschen Reimen (Lübeck 1498) ins Hochdeutsche übertragen von
Johann Heinrich Voß (1751-1826), dem
Odysee-Übersetzer.
Die Balletttänzerin darf bei der
Geburtstagsvorstellung für die Königin nicht fehlen. Die Tochter der
Tänzerin liegt derweil zuhause im Todeskampf (S. 138).
Wachholder streut auch Anektoden ein, so die von der Verbrennung des Ketzers
Vanini (S. 101); siehe Zitate
von Lucilio Vanini.
Die Binnenerzählung der
Großmutter Margarete Karsten handelt von den napoleanischen Wirren um
1806 (S. 106ff) und bringt das berühmte "Ruhe ist die erste
Bürgerpflicht!" von Minister Friedrich von der Schulenburg (
Zitat Schulenburg). Es könnte das Motto der Zeit gewesen sein
(s.o. Zensur).
Raabe läßt Johannes Wachholder im Text
Grüße an Bewohner der Sperlingsgasse ausrichten. Diese Technik der
direkten Ansprache ist modern. Im Popsong "Wasted Days And Wasted Nights"
grüßt Freddy Fender seinen
Freund Doug Sahm: "... wherever you are,
brother!" ( gesamtes
Zitat). |