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Gisbert Haefs
Gisbert Haefs: Und oben sitzt ein Rabe
München: Goldmann, 2000. Broschiert, 254 Seiten
Andreas Goldbergs Ehe war gerade in die Brüche gegangen, da wird seine Noch-Ehefrau und ihr Zukünftiger ermordet. Die Motive und ein paar Umstände sprechen gegen Andreas. Er wird festgenommen. Nur der ungewöhnliche Amateur-Detektiv Baltasar Matzbach setzt sich für den Vorverurteilten ein. Begründung: Andreas Goldberg hat einen zahmen Raben namens Poe; so jemand kann kein Mörder sein (wenn man das als Begründung gelten lassen kann). Baltasar Matzbach sticht durch einige Merkmale von seinen Krimi-Kollegen ab: schon ziemlich alt; riesengroß, so etwa eins-neunzig; cirka 120 Kilo Gewicht; das Fett des Detektivs wird gezielt beschrieben. Einen "normalen" Aufklärer kann sich heutzutage kein Autor mehr leisten.
Baltasar (warum nicht deutsch: Balthasar?) und auch andere Figuren in dem flotten Krimi üben sich einer besonderen Sprechweise (das ist es, was den Krimi wirklich absetzt von anderen seines Genres): manchmal witzig, manchmal gestelzt, manchmal platt: An einer Weggabelung meint Baltasar: "Ich schätze, es kommen nur zwei Möglichkeiten in Frage, rechts oder links" (S. 106). Oft ist das Gerede auch anspruchsvoll. "Wenn er dann noch nach Nordosten schwenkt, ist er [hier fehlt "in"; H.H.] ein paar Tagen in Schmalkalden. Da kann er sich mit irgendwelchen Leuten vom Land verbünden" (S. 102). Wer dieser Andeutung Baltasars nachgeht, lernt was zur deutschen Geschichte. Ob das der Krimileser will? Zweite Kostprobe, nach dem Stichwort "Freiheit" winkt Baltasar ab: "Lesen Sie Sartre, dann wissen Sie erstens, woher sie kommt, und zweitens, daß sie nicht viel wert ist" (S. 145). Mir gefielen diese Bonmots. Auch literarische Anspielung sind darunter.
So verweist "Ein Jegliches hat seine Zeit" (S. 137) auf den deutschen Romantitel von Haefs' Krimischreiber-Kollegin Phoebe Atwood Taylor (Originalausgabe 1934: The mystery of the Cape Code Tavern; Phoebe Atwood TaylorPhoebe Atwood Taylor: Ein Jegliches hat seine Zeit); beides wiederum führt zurück auf Prediger Salomo 3,1.
"Ich hab es getragen sieben Jahr" (S. 149) stammt aus der Ballade Archibald Douglas von Theodor Fontane (Archibald DouglasArchibald Douglas).
gisbert haefs Manches an der Geschichte erscheint mir aufgesetzt oder gar unglaubwürdig. Baltasar ist eine kaum zu verwechselnde große und fette Person. Er verändert mit Bleisitiftstrichen (!) sein Aussehen, damit ihn der Verdächtige später nicht wiedererkennt (S. 119-120). Ich bezweifle, daß dies so möglich ist.
gisbert haefs Andrerseits schiebt Gisbert Haefs in Und oben sitzt ein Rabe den zweiten Krimi (beide zusammen im Doppelband erhältlich) Das Doppelgrab in der Provence. Gut gemacht; ich empfand es als orginell.
gisbert haefs Die vom Detektiv Befragten erinnerten sich oft tage- und monatelang später noch an Einzelheiten. Haefs motivierte diese ungewöhnlichen Gedächtnisfähigkeiten zwar jedesmal, in ihrer Häufung fand ich sie unglaubwürdig. Beispielsweise nach Monaten (der gesamte Roman Das Doppelgrab in der Provence leigt dazwischen) fragt Baltasar: "»Wieso weiß du das noch so gut?« Sie lächelte. »Weil er mich wegen des Weckers beschimpft hat.«" (S. 193).
gisbert haefs Unklar blieb mir, warum die/der Täter(in) – mit einigen Morden auf dem Konto – den Amateur Baltasar am Leben ließ (S. 232). Dies fällt mir oft, besonders bei US-Kriminal- und Thrillerfilmen auf: der Täter ist zum Ende besonders rücksichtsvoll, damit es noch einmal spannend wird (und der Held in weiteren Filmen auftreten kann).
Insgesamt mit den genannten Einschränkungen gut gemacht, aber kein Lese-Muß.
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Gisbert Haefs Gisbert HaefsGisbert Haefs. Und oben sitzt ein Rabe / Das Doppelgrab in der Provence. München: Goldmann, 2000. Broschiert, 512 Seiten Gisbert Haefs
Gisbert Haefs. Und oben sitzt ein Rabe. Ein Baltasar- Matzbach- Roman. München: Goldmann, 2000. Broschiert, 254 SeitenGisbert Haefs

Gisbert Haefs
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