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Thomas Glavinic
Thomas Glavinic: Der Kameramörder
München: DTV, 2003. Broschiert, 156 Seiten – glavinic Linksglavinic Literatur
Der Kameramörder beginnt mit "Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben" ein Osterwochenende in der Steiermark. Das Kammerspiel von zwei befreundeten Paaren (Ich-Erzähler, Sonja Wagner, dessen Freundin, Heinrich und Eva Stubenrauch) wird schon bald durch die Fernsehinformation über schreckliche Morde an zwei Kindern, das dritte konnte entkommen. Die österliche Idylle ist mehrfach gestört: die Morde passierten ganz in der Nähe und wurden vom Täter gefilmt; die Medien berichten pausenlos und zeigen schließlich auch die gefilmten Morde; Heinrich will mit faustischer Wißbegierde alles über den Mord erfahren; Medienleute und Polizei fällt in die Gegend ein, in der sowas eigentlich nicht passieren kann: hier leben keine solchen Scheusale, wie der Kameramörder einer sein muß.
Glavinic schildert, wie alle in den Sog des Mord(s)spektakels hineingezogen werden. Politiker bis zum Bundespräsidenten äußern ihren Abscheu, sogar der Papst kommt ins Spiel.
Die Gegenmelodie zum medialen Inferno vor ihrer Haustüre besteht in dem freizeitmäßigen Fortgang des Wochenende im Hause der Stubenrauchs: Kartenspiel, Sport, Kochen, Essen, Trinken, TV und Radio. Im ausgestrahlten Video muß ein Kind auf einen Baum steigen und sich von dort in den Tod stürzen. "Lautes Geheul des Widerspruchs war die Resonanz. Heinrich nahm sich eine Handvoll Chips und sagte, es sei gräßlich, der Mann müsse der Teufel persönlich sein" (S. 75).
Der Autor wurde von der Neuen Zürcher Zeitung dafür gelobt, zum dritten Mal (nach Carl Haffners Liebe zum Unentschieden und Herr Susi) einen neuen Stil erprobt zu haben. Sie bescheinigt ihm "sein staunenswertes handwerkliches Können".
Ich meine dagegen, daß ein Stilwechsel nur zu loben ist, wenn der vorherige Stil nichts taugte oder der neue sehr viel besser. Der Kameramörder ist im Aufsatzstil dritte Klasse Grundschule geschrieben und das wird vom Autor konsequent durchgehalten. Diese einfachen Stakkatosätze sind aber alles andere als gut lesbar: der Leser muß ebenfalls durchhalten, da doch eine gewisse Spannung erzeugt wird. Oh, hätte doch unterwegs Glavinic einen Rückfall in normale Prosa gehabt! Den entschuldigenden Hinweis: es handle sich um das Protokoll des unbeholfen schreibenden Ich-Erzählers lasse ich nicht gelten: ich kaufe ein Produkt der Literatur und keinen Schulaufsatz.
Einige Stilbeispiele
In der oben schon erwähnten Szene steigt oder klettert der Bub ("Langhaarbruder") nicht auf den Baum, sondern er wird aufgefordert ihn "zu erklimmen" (S. 75). Man denkt sofort an die Bergvagabunden (Text von Erich Hartinger): "Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, steigen dem Berggipfel zu" (bergvagabunden Hans Ertl: Bergvagabunden)oder an alpenländische Touristenwitze, wo Berge grundsätzlich in einem heroischen Akt erklommen werden. Man stelle sich die Situation vor: der Mörder zwingt sein Opfer auf einen Baum zu steigen. Glavinic als Ich-Erzähler schreibt nun: "Lautes Geheul des Widerspruchs war die Resonanz" (S. 75). Der Langhaarbruder hat wahnsinnige Angst. Ich meine, lautes Geheul gibt's beim Indianerspielen und das technische Wort "Resonanz" ist deplatziert.
Neue Szene. Die Stubenrauchs kehren ins Haus zurück. Heinrich sperrt die Haustüre auf. "Eva verfügte sich sogleich zur Toilette" (S. 116). Ich meine, in einem Aufsatz der dritten Klasse Grundschule (so meine obige These), würde das vom Lehrer als geschwülstiger Stil rot markiert werden.
Manierismen
Die Freundin des Ich-Erzählers wird gleich eingangs mit Namen "Wagner Sonja" vorgestellt, ab da ist sie stereotyp die Lebensgefährtin.
Der 150 Seiten Roman hat keine Kapitel, einverstanden, aber er hat auch keine Absätze, es ist ein einziger langer Block. Das hätte ich eventuell als Gag verziehen, wenn der Verlag die erste Zeile nicht eingerückt hätte und der Autor dafür gesorgt hätte, daß auch die letzte Zeile des Romans voll gewesen wäre.
Der gute (wenn auch etwas karge) Plot des spannenden (sehr gute Steigerung zum Ende) Romans wird durch den primitiven Stil arg getrübt. Das Syndikat vergibt jedes Jahr den Glauser-Autorenpreis für deutsche Kriminalliteratur. Der Friedrich Glauser Preis für den besten Kriminalroman 2002 ging an Thomas Glavinic: Der Kameramörder (Laudatio siehe glavinic Links). Ich dagegen hoffe, Glavinic bleibt seiner Strategie treu und hat im nächsten Roman wieder einen neuen Stil erprobt. Er kann sich nur verbessern.
"Nun hat Glavinic mit der Novelle »Der Kameramörder« ein veritables Kabinettstück geliefert, eine sprachlich sehr genau gearbeitete Geschichte über zwei jüngere Paare, die die Osterfeiertage in der Steiermark verbringen und aus dem Fernsehen erfahren, daß ganz in ihrer Nähe ein zynischer Kindesmörder am Werk ist. »Der Kameramörder« ist vieles: spannende Kriminalstory und Medienkritik, Passionsspiel und beklemmende Sprachstudie – im Grunde das perfekte Lehr-Stück für den Deutschunterricht. Man sollte meinen, daß einem talentierten Autor mit einem solchen Text der Durchbruch gelingt, aber nein, er wurde kaum wahrgenommen."
Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin, in: Friedbert Aspetsberger, Hg. Ein Dichter-Kanon für die Gegenwart. Urteile und Vorschläge der Kritikerinnen und Kritiker. Innsbruck: StudienVerlag, 2002.
Hörspielfassung
Mit Sylvester Groth, Felix von Manteuffel, Leslie Malton, Charly Wagner u.v.a.
Bearbeitung und Regie: Walter Adler - Produktion: WDR/RB 2003/69’
Redaktion: Martina Müller-Wallraf
Im gleichnamigen Hörspielt wurde der reporthafte Aufsatzstil beibehalten; zurecht: die Eigenart des Autors soll ja beibehalten werden. Viele Wortwiederholungen und die umständliche oder überflüssige Präzisierung fallen auf, aber ärgern nicht so wie in der Schriftform.
Thomas Glavinic
* 1972 in Graz, lebt in Wien. Taxifahrer, Bergbauer und Werbetexter, schreibt seit 1991 Romane, Essays, Erzählungen, Hörspiele und Reportagen.
Links
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Friedrich Glauser Preis für den besten Kriminalroman 2002: glauserLaudatio von Horst Eckert, gehalten aus dem "Tango criminale" am 21.4.2002 in München
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Literatur
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