| Robert
Hültner: Die Godin München: Btb, 280 Seiten |
| Bis ungefähr zur Seite 80 breitet
der Autor zahlreiche, scheinbar nur lose zusammenhängende Szenen aus. Es
ist zunächst die Zeit vor der bayerischen Revolution, dann spielt die
Handlung im Jahre 1924. Die zwei Hauptorte sind München und Sarzhofen. In
Sarzhofen meint man Gars zu erkennen. Richtig, bei einer Lesung bestätigt
dies der Autor. Die Klosterzelle Garoz gehörte schon früh zum Bistum
Salzburg, daher auch die Verbindungen zu Österreich, die Hültner
ebenfalls ausspielt. Nicht nur daran merkt man, daß Robert Hültner
gründlich geforscht hat, bevor er die zwanziger Jahre im 20. Jahhrundert
wieder erstehen ließ. Es gelang. Erst auf Seite 166 passiert der eigentliche Mord (halt, den eingangs für das Handlungsgeflecht enorm wichtig vergißt man zu leicht), auf Seite 212 taucht die Titelgestalt auf. Man darf also keinen herkömmlichen Krimi erwarten. Andrerseits kann man erwarten, daß der Autor die ausgelegten Handlungsschnüre zusammenknüpft. Ja, er erfüllt diese Erwartung. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß Hültner den Leser mit zuviel Beziehungsgeflecht (das man lange nur ahnt) zu stark fordert. Am stärkstens waren für mich die Dialoge. Zum einen mußte ich selten in den fünf Seiten Worterklärungen nachschlagen, zum anderen kommt in den Dialogen der Duktus der Dorf-, Stadt- und Vorstadtbewohner prägnat heraus. Viktualienmarkt, Polizeistationen, Irrenhaus, Gasthofstimmung, das alles überzeugt. Paul Kajetan (ja, Kajetan ist "nur" der Familienname des Protagonisten) ist eine blendend ausgedachte Figur. Er wurde aus dem Polizeidienst entlassen und kämpft nun in Zeiten der Wirtschaftskrise ums Überleben. In den Außenszenen wiederholt sich Hültner. Da scheint nachts immer der Mond, es riecht nach nasser oder feuchter Erde, die Frösche geben ein Konzert (S. 113) oder sie knarzen (S. 260). Und jedesmal schwirrt ein Nachtvogel (S. 114) oder sucht das Weite (S. 261). Aufgrund der stimmigen Charakterzeichnung und der atmosphärischen Schilderung der Zwischenkriegszeit ein lesenswerter Roman. |
| Robert Hültner, * 1950
Inzell |