| Georges Simenon: Der Mann, der den Zügen
nachsah [L'Homme qui regardait passer les trains] München: Süddeutsche Zeitung, 2004. 223 Seiten. Linde Birk, Übs. |
| Ich erwartete einen frühen
"Maigret" und werde in die Psyche eines Täters gezogen. Der biedere Familienvater Kees Popinga sieht seine Welt binnen weniger Stunden zusammenbrechen. Da nutzt er die Gelegenheit und bricht selbst aus. Von Amsterdam führt ihn sein Weg nach Paris. |
| Das Psychogramm Der Mann, der den
Zügen nachsah schildert einen Gelegenheitstäter von innen.
Popinga versucht in Paris unterzutauchen, schlägt sich durch und will es
der Presse und seinen Verfolgern zeigen. Dazu hat er als Schachspieler (er
besuchte "zuhause" regelmäßig einen Schachclub) gute
Voraussetzungen. Zwei seiner Glanzpartien hat er aufgezeichnet. Popinga will sein Verhalten vor sich und der Mitwelt (er führt ein Notizbuch) rechtfertigen. Als er erkannt hatte, dass sich kaum jemand an Sitte und Gesetz hält, kümmert auch er sich nicht mehr darum. Er spielt nur nach den Regeln der Gesellschaft. Der einzige Vorwurf, dem man ihm machen kann, ist: er hat diese Spielregeln erst spät durchschaut. Er will beweisen, dass ein einfacher Angestellter die Regeln durchschaut und ausnutzen kann (S. 202). Der Kommissar Lucas (ein früher Maigret ? die Pfeife hat er) tritt meist nur indirekt auf. Nicht Lucas versucht sich in den Verfolgten hineinzudenken, sondern umgekehrt: Popinga muß die Psyche seiner Verfolger erkunden, damit er nicht erwischt wird. Die andere Spiegelung ist, dass er die Freiheit von den bürgerlich-familiären Banden sucht, aber, je länger er in Freiheit ist, desto mehr wird sein Aktionskreis eingeschränkt. Hier schlägt der Schachspieler durch, der ja immer gegen sich selbst auch spielt. Er muss davon ausgehen, dass der Gegner die besten (dies beurteilt er mit seinem Vermögen) Züge macht. Popinga vermeidet also die Orte und Gewohnheiten, von denen er annimmt, dass sie, wenn er Kommissar wäre, eine entscheidende Rolle spielen. So erhält die Zugmetapher des Titels im Deutschen eine doppelte Bedeutung. |
| Stilistisch ist Simenon in diesem
erstmals im Jahr 1938 erschienenen Roman voll da. Die kurze Abschiedsszene (S.
41) beispielsweise steckt voller Lakonie und Wehmut. Popinga ist der Mann in
der Menge, für den es "geradezu wie ein Rausch war ... als Unbekannter in
der Menge zu verschwinden" (S. 152). Da denkt man gleich an die grandiose
Kurzgeschichte Edgar Allan Poes: "The Man of the Crowd" ( Am Ende ging mir der Trip durch Popingas Innenwelt fast zu lange. Insgesamt: sehr lesenswert. |
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| Georges Simenon: Der Mann, der
den Zügen nachsah. Der Audio Verlag, Dav, 2002. Sprecher: Christian
Berkel
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