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Eule
Ergänzungen zu Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule
Leonardo Sciascia: Il giorno della civetta – Der Tag der Eule © by Michael Kraus
Die deutsche Übersetzung des Titels ist zwar korrekt, doch sein Sinn erschließt sich bei der Lektüre des Romans nicht, denn in Deutschland symbolisiert die „Eule“ vor allem Wissenschaft und Weisheit, nicht Bedrohung, Unglück und Tod, wofür eher der „Uhu“ oder der „Kauz“ bzw. das „Käuzchen“ stehen. Im Italienischen dagegen ist „civetta“ sowohl die Bezeichnung für „Eule“ (allgemein) als auch für „Kauz“, speziell „Steinkauz“/“Käuzchen“, das eigentliche Attribut der Athene (Athene noctua), und „civetta“ hat offenbar auch die beiden sich weithin widersprechenden symbolischen Bedeutungen.
Nach dem Dizionario Sanzoni Tedesco – Italiano/Italiano – Tedesco, Firenze, 2. Auflage, 1986, bedeuten:
Eule – civetta, gufo (aber: Eulen nach Athen tragen – Portar nottole ad Atene)
Kauz – civetta; Käuzchen – piccola civetta; Steinkauz – civetta; Waldkauz – allocco
Uhu – gufo
nottola – Abendsegler; nottua – Eule, Eulenfalter
Aus der italienischen Übersetzung der Redensart „Eulen nach Athen tragen“ (s. u.) mit «portar nottole ad Atene» kann man schließen, dass «nottola»/„Abendsegler“, die an sich richtigere – und früher wohl auch übliche – Bezeichnung für das heilige Tier der Athene/Minerva ist.
Der französische Übersetzer von Le jour de la chouette hatte es leichter, denn „chouette“ bedeutet ebenfalls sowohl „Eule“ wie „Kauz/Käuzchen“; der Fachbegriff „chevèche“ für Kauz ist ungebräuchlich.
Auch das dem Roman vorangestellte – und in der deutschen Übersetzung weggelassene – Shakespeare-Zitat hilft kaum weiter:
«... come la civetta quando di giorno compare, SHAKESPEARE, Enrico VI»; also, wörtlich übersetzt, „... wie die Eule/das Käuzchen, wenn sie/es bei Tag erscheint” (Leonardo Sciascia, Opere 1956 – 1971, Milano 2000, S. 389).
In Shakespeares Heinrich VI kommen zwar ziemlich viele „Eulen“/„owls“ und „Käuzchen“/„screech-owls“, also „Kreischeulen“ vor, aber das Zitat konnte ich im Wortlaut nicht finden.
Im Teil I heißt es: „Du ahnungsvoller, grauser Todesvogel“
Im Teil II, 1. Akt, 4. Szene, sagt BOLINGBROKE: "The time when screech-owls cry and ban-dogs howl“, und, ebenfalls
im Teil II, 3. Akt, 2. Szene, spricht SUFFOLKA von einer grausigen Szene und schließt mit: “And boding screech-owls make the concert full”.
Im Teil III, 2. Akt, 6. Szene, fordert EDWARD: “Bring from that fatal screech-owl to our house/That nothing sung but death to us and ours.” – „Bring her den Unglücksuhu unsers Hauses,/Der nichts als Tod uns und den Unsern sang.”. Außerdem sagt
im Teil III, 5. Akt, 4. Szene, SOMMERSET: “And he that will not fight for such a hope,/Go home to bed an, like the owl by day, / If he anrise, be mock’d and wond’red at” – „Und wer für solche Hoffnung nicht will fechten, / Geh heim ins Bett, so wie bei Tag die Eule, / Beim Aufstehn dann verhöhnt und angestaunt.“
Weiterhin finden sich im III. Teil folgende Passagen: „Die Eule schrie dabei, ein übles Zeichen“ (bei der Geburt Richards) und „Hier scheint die Sonne nie, hier atmet nichts, / Nachteulen nur und unglücksdrohende Raben.“ (deutsche Zitate nach: Karin Montes, Eulen bei William Shakespeare)
Am ehesten kommt also die Wendung „so wie bei Tag die Eule“ in Frage. Wie aber der Kontext zeigt, geht es bei Shakespeare nicht, wie in der italienischen Übersetzung, um das „Erscheinen“ der Eule bei Tag – und dieses ungewöhnliche Ereignis und die damit verbundene, beängstigende Ankündigung drohenden Unheils ist wohl im Titel und im Motto von Sciascias Roman gemeint –, sondern ganz im Gegenteil darum, dass sich Feiglinge, so wie die bei Tag schlafende Eule, im Bett verkriechen und dann ein böses Erwachen erleben, angestarrt und verspottet werden. Möglicherweise ist also die italienische Übersetzung nicht ganz korrekt, zumindest irreführend... Dennoch hätte man in der deutschen Übersetzung das vorangestellte Zitat in der korrekten, kürzeren Form übernehmen können und sollen, ggf. in der Originalsprache: ”...like the owl by day“.
Dass Shakespeare hier „owl“ und nicht „screech-owl“ schreibt, dürfte dagegen von geringerer Bedeutung, vielleicht lediglich dem Sprachrhythmus geschuldet sein, denn zum einen geht es an dieser Stelle nur darum, dass alle dämmerungs- oder nachtaktiven Eulenvögel, also Eulen, Käuzchen, Uhus usw., bei Tag schlafen oder vor sich hin dämmen, und zum andern verwendet Shakespeare – soweit ich feststellen konnte – beide Bezeichnungen nie als Metaphern für Wissenschaft und Weisheit, sondern meist zur Charakterisierung einer oft lautmalerisch dargestellten schaurigen, unheimlichen Situation, als Hinweis auf drohendes Unheil, Unglück und Tod, was auch die übrigen zitierten Stellen zeigen.
Meyers Großes Taschenlexikon, Mannheim u. a., 2. Auflage, 1987, meint unter dem Stichwort „Eulenvögel“ zwar: „Seit alters galt die Eule als Symbol der Wiss. und Weisheit (hl. Tier der Athena), doch wurden Eulen und der Eulenruf auch in Zusammenhang mit Tod und Unglück gebracht.“ Das gilt m. E. aber in Deutschland so allgemein nicht, wo in den verschiedenen Redensarten meist zwischen der eher positiven symbolischen Bedeutung von „Eule“ und der meist negativen, zumindest abschätzigen von „Kauz/Käuzchen“ und von „Uhu“ unterschieden wird.
Lutz Röhrich schreibt in seinem Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Freiburg u.a., 4. Auflage, 1999, unter dem Stichwort „Eule“ (S. 404 ff) in Bezug auf die Redensart „Eulen nach Athen tragen“: „In der satirischen Kömödie „Όρνιδες“ („Die Vögel“) des größten klassischen Komödiendichters Aristophanes (um 445 bis 386 v. Chr.), in der er seine Heimatstatt mit all ihren Schwächen glossierte, läßt der Dichter (V. 301) eine Eule herbeifliegen, worauf gefragt wrd: „Τίς γλαΰκ΄ Αθήναζ ήγαγε“ („Wer hat die Eule nach Athen gebracht?“ nämlich: wo schon so viele sind). Denn die Eule, und zwar eigentlich das Käuzchen, war nicht nur ein in Athen häufig vorkommender Vogel, der bes. in den klüftenreichen Abhängen der Akropolis hauste, sondern, natürlich im Zusammenhang damit, auch ein Attribut der Athene, der Schutzgöttin der Stadt, und galt als Sinnbild der Klugheit schlechthin, weil die Eule auch im Dunkeln zu sehen vermag. Außerdem prangte die Eule auf den athenischen Münzen, die (...) kurzweg ‚Eulen’ hießen.“ In anderen deutschen Redensarten, in denen die Eule vorkommt (vgl. ebd. S. 405f),  geht es nicht um Bedrohungen, sondern darum, jemanden zu necken, zu foppen, hineinzulegen („Lockeule“), darum, dass jemand verschlafen, traurig aussieht. Lediglich die miederdeutsche „Uhl“ (ebd. S. 1655) symbolisiert Enttäuschung, Missgeschick, Unglück und Tod.
Dagegen heißt es zum Stichwort „Kauz“ (ebd. S. 829): „Erst im 15. Jh. wurde in Dtl. die Bez. (stein) kûz(e) für eine bestimmte Eulenart gebräuchl., die sich vom mhd. kûze = Schreihals herleitet. Dieser Nachtvogel, der gern gegen das Licht der Krankenstuben fliegt, wurde im Volksglauben zum Unglücks- und Totenvogel, den man ängstlich meidet. Im 16. Jh. entwickelte sich der Name dieses lichtscheuen und bei Tage unsicheren Vogels zur Schelte für den menschenscheuen Sonderling und diente gleichzeitig zur treffenden Kennzeichnung seines ungewöhnlichen Verhaltens, seiner andersgearteten Beschäftigungen und Liebhabereien.“
Und unter dem Stichwort „Uhu“ (S. 1656 f) schreibt Röhrich: „Ein Uhu sein: als Unglücksbote auftreten. ... Bereits im klassischen Altertum galt der Uhu als unheilbringend. Man mied und scheute ihn, denn er war der Vogel der Unterwelt, der Trauer- und Totenvogel, der sich gern in der Nähe von Grabstätten aufhielt. Sein Erscheinen bedeutete Krieg, Hungersnot, Krankheit und Tod. Noch heute hält man es bei uns für ein böses Vorzeichen, wenn er sich auf einem Haus niederläßt oder in dessen Nähe sein Ruf erklingt. Ein Kranker hält seinen nächtlichen Ruf für seinen Todesruf.“
Die Übersetzung von „civetta“ mit „Eule“ ist also zweifellos richtig – und die in Deutschland gängige symbolische Verbindung der Eule mit Wissenschaft und Weisheit im Prinzip falsch, denn das heilige Tier der Athene/Minerva war ein Steinkauz. Dennoch verfehlt der Titel Tag der Eule (den im Deutschen, anders als im Italienischen, nicht unbedingt erforderlichen Artikel sollte man weglassen) m. E. den für Sciascia recht typischen und von ihm wahrscheinlich gemeinten bedrohlichen Hintersinn. Der ließe sich wahrscheinlich nur nachbilden, wenn man mit Tag des Käuzchens oder Käuzchen bei / am Tag übersetzte, was zugegebenermaßen keine besonders schönen Titel wären, aber aufschlussreicher als der tatsächlich gewählte – und allemal besser als eine reißerische Wendung wie Wenn das Käuzchen schreit bei Tag ... [*]
[*] So wie man andere Titel von Sciascia-Texten reißerisch oder banal übersetzt hat:
A ciascuno il suo (Jedem das Seine) – Tote auf Bestellung
Il contesto. Una parodia (Der Kontext / Zusammenhang. Eine Parodie) – Tote Richter reden nicht
La strega e il capitano (Hexe und Hauptmann) – Hexengericht
Il consiglio d’Egitto (Der ägyptische Ratgeber) – Der Abbé als Fälscher
Dalle parti degli infideli (In partibus infidelium / Aus den Gebieten der Ungläubigen) – Der Titularerzbischof
Il cavaliere e la morte wird zwar korrekt übersetzt mit Der Ritter und der Tod; da es sich aber um den (italienischen) Titel von Dürers berühmter Radierung handelt, die eine wichtige Rolle in der Erzählung spielt, müsste der deutsche Titel Ritter, Tod und Teufel  lauten.
Jahrhundertwerke Anfang

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© by Michael Kraus & Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.8.2008