| Val
McDermid: The Wire in the Blood London: HarperCollins, 1998. Broschiert, 495 Seiten. Deutsche Ausgabe: Schlussblende. Klaus Fröba, Übs. |
| In einer neu zusammengestellten
Polizeigruppe, die der Psychologe Tony Hill leitet, werden zwei
Übungsfälle schnell zu blutigem Ernst. Der beliebte Fernseh- und
Wohltätigkeitsstar Jacko Vance soll hinter einer Serie von
Mädchenmorden stehen; bei mehreren Bränden wird eine Serie vermutet.
Zusammen mit Carol Jordan und ihrem Team und der Gruppe um Tony Hill werden
beide Serien verfolgt. In beiden Handlungssträngen passieren unvermutete
Pannen. Die schottische Autorin Val McDermid beschreibt die jeweiligen Umfelder (Show-Business, Polizei und soweit vorkommend "normale" Menschen) kenntnisreich, detailliert und umsichtig. Da passt alles. Stilistisch versteht Val McDermid ebenfalls ihr Handwerk. Ungewöhnliche Vergleiche ("Your priorities will shift like Los Angeles in an earthquake", S. 27), diese jedoch nicht zu häufig, reichern die klug aufgebaute Handlung an. Angenehm fiel mir auf, daß Frauen ganz natürlich und unaufgeregt in die Polizeiarbeit und den Plot integriert sind. Manchmal wurden die Lebensgeschichten der Personen unnötig und theatralisch ausgebreitet, so über den Abstieg der Neben-Neben-Figur Tim Coughlan: "Tim had hit bottom und nearly drowned" (S. 95). Auch der Ton innerhalb der psychologischen Gruppe und im Team der Carol Jordan schien mir etwas zu lehrbuchhaft, so nach dem Lob: "Good job!" und der Betonung: "We serve our community!" Vielleicht ist das aber in England so. Nervig war für mich das häufige Vorkauen: Jacko ist extrem klug und gefährlich, aber wir das Team sind besser. Beispiel: "He's clever, Carol. He's the best I've ever seen, ever heard about, ever read about [OK, wir glauben's!]. Somehow, we've got to be better." (S. 348). So extrem clever war Jacko Vance mitnichten. Andrerseits und das ist mein stärkster Kritikpunkt am Plot war der Besuch von Sharon »Shaz« Bowman bei Jacko Vance an den Haaren herbeigezogen: ohne Auftrag und obwohl sie ihn schlimmster Taten verdächtig, geht sie brühwarm zu ihm und erzählt ihm alles! Zu allem Überfluß hat sie auch noch das von ihr über ihn angefertigte Täterprofil in der Tasche. Da kommt die zuvor recht sympathische Shaz amateurhaft schlecht weg. Der Einstieg in den Roman ist großartig gelungen, dann dauert es aber etwa hundert Seiten bis die Sache in Fahrt gerät. Das bringt mich zur zweiten Kritik: ein Krimi hat 200 höchstens 250 Seiten (außer er ist große Extraklasse). Val McDermid packt zuviel hinein. Einige Streichungen hätten der Spannung gut getan. |
| Auf der Ultimative Liste der besten Krimis aller Zeiten ist von der Autorin Val McDermid A Place of Execution [Ein Ort für die Ewigkeit] aufgeführt. Leute mit denen ich sprach, empfehlen als spannender und dem hier besprochenen Buch vorausgehend The Mermaids Singing [Das Lied der Sirenen]. Also Leute: die schottische Autorin versteht ihr Handwerk, doch scheinen die beiden früher geschriebenen Werke fürs Kennenlernen der Autorin empfehlenswerter zu sein. |
| Trotz der beiden Haupteinwände ist The Wire in the Blood gut zu lesen und als Wochenendlektüre empfehlenswert. Dass es kein Spitzenkrimi ist, dafür mag die Titelwahl ein Indiz sein. Das "wire" aus dem Titel tritt eigentlich nur in den drei als Motto (?) vorangestellten Zeilen aus T. S. Eliot "Four Quartets" auf. Der völlig andere deutsche Titel ist ähnlich passend und unpassend zugleich. |