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Mankell
Mankell, Henning: Der Chronist der Winde
[Comédia infantil] Verena Reichel, Übs. – Wien: Zsolnay 2000. 268 Seiten – Mankell LinksMankell Literatur
Der berühmte schwedische Krimiautor Henning Mankell leitet seit 1985 ein Theaterprojekt in Mosambiks Hauptstadt Maputo. Dabei engagiert er sich für die Strassenkinder und schrieb mit Der Chronist der Winde ein beeindruckendes poetisches Porträt dieser weltweit vernachlässigten Gruppe.
Der Ich-Erzähler José Antonio Maria Vaz war Bäcker und hat vor einem Jahr den angeschossenen Strassenkind Nelio gepflegt. Er schildert mit vielen Einlagen die Lebensgeschichte des zehnjährigen Nelio. Nach zahlreichen Anläufen (damit will Mankell wohl auf die Schachtelkonstruktion von Tausendundeinenacht verweisen; so auch die Kapiteleinteilung in neun Nächte) beginnt sie aus Seite 52.
Aus zweiter Hand (zählt man Mankell: aus dritter Hand) erfahren wir, wie Nelio seine Eltern verlor, sein Heimatdorf überfallen wurde. Bei seiner Flucht kommt er unweigerlich in die Großstadt, lernt seine Lektionen zum Überleben und wird selbst Haupt eines Rudels von Strassenkindern. Bei der Sterbebegleitung für ihr Mitglied Alfredo Bomba wird die Gruppe unachtsam: Lelio wird von zwei Kugel getroffen, vom Bäcker gerettet und auf das Dach der Bäckerei gebracht. Dort stirbt Lelio schließlich in der neunten Nacht.
Die Erzählung Nelios wird unterbrochen von der Erzählung José Antonio Maria Vaz, der ihn aufopfernd pflegt. Mankell erzählt beide Handlungsstränge überaus gefühlvoll. Man merkt, daß er ein Herz für die chancenlosen Kinder aber auch für die Erwachsenen hat, die jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen. Er will vermeiden daß grauenvolle Szenen Betroffenheit erzeugen; er drückt nicht auf die Tränendrüse. Doch meines Empfindens nach geht der Autor dabei zu weit.
Der zehnjährige Lelio wird magisch überhöht. Odysseus-mäßig findet er in die Stadt und schläft dort im Bauch des Trojanischen Pferdes. Unter den Kindern wird er durch sein plötzliches Verschwinden (in seinen Schlafplatz) zum Heiligen. Als einziger wird er nie (oder selten) angegriffen. Seine Reden sind messiasartig ("Ich werde es dir sagen, wenn die Zeit reif ist", S. 121); die Pflege seiner Wunde erinnerte mich an Amfortas. Dabei wurde mir nicht klar, warum José den dahinsiechenden Nelio nicht in ärztliche Pflege gibt. Dies wird vom Bäcker zwar überlegt, aber er folgt dem Verlangen des Kindes. Und weil ich schon dabei bin ... Mir ist völlig unklar, warum José seinen Bäckerjob aufgibt. Um Lelios Geschichte zu erzählen (so seine vorgebliche Motivation), müßte er sich zuerst ein ökonomisches Fundament sichern.
Das Leben in der Gruppe und seines Anführers Lelio wird pathetisch aufgeladen: "Wenn die Zeit reif wäre, würde er auch dafür sorgen, daß die, für die ihm Cosmos [sein Vorgänger als Rudel-Leiter] die Verantwortung übertragen hatte, die lange Wanderung von der Straße weg antreten würden" (S. 159).
Lelios Leben wird mythisiert und romantisiert: "Wurden die Gedanken zu schwer, verließ er die Straße und machte lange, einsame Wanderungen [Odysseus]. Die anderen schickten ihm dann immer jemand nach, um dafür zu sorgen, daß er nicht direkt ins Meer hinaus ging [Jesus] und verschwand" (S. 191).
Hier wird die Straße als überhöhter Raum behandelt, so wie die Politiker sie in "Druck der Straße" gebrauchen. Insgesamt erinnerten mich die Strassenkinder an Tortilla Flat und die Cannery Row von John Steinbeck. Haben nicht auch die Schelme in Tortilla Flat, wie das Straßenkind Mandioca, in ihren Hosentaschen allerhand verborgen? Wie in Cannery Row feiern hier die Straßenkinder heimlich im Haus ihrer Helfer. Wie John Steinbeck den Menschen die artspezifische Gemeinschaft nahelegt, spricht auch Mankell vom Rudel, das das Überleben gewährleistet (S. 208).
Die Messias-Jesus Bezüge werden dramatisiert beim Tode Lelios. Wie beim Tod Jesu ("die Erde bebte, die Felsen zersprangen, die Gräber öffneten sich" Mt 27,52) bebt auch nach Lelios Tod die Erde, das Reiterstandbild wird zerschmettert, der wahnsinnige Priester Manuel Oliveira "hatte die Pforten seiner Kirche sperrangelweit geöffnet" (S. 258).
Ich hatte mehr zu den Ursachen, Situation, Aktionen für oder gegen die Straßenkinder erwartet. Durch die charismatische Aufblähung des zehnjährigen Lelios lenkt der Roman von der Sinn- und Bedeutungslosigkeit der Straßenkinder ab, er wird zur Straßenkinderlegende. Weniger europäischer Mythos, mehr afrikanische Mystik (Eidechsen)! Für diesen Roman wurde Mankell 1996 mit dem Sveriges-Radio-Romanpreis ausgezeichnet. – Spannend, einfühlsam, aber zu romantisierend.
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Mankell John Steinbeck (1902 – 1968)
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Mankell Mankell Henning Mankell. Der Chronist der Winde. München: DTV, 2002. 267 Seiten. Verena Reichel, Übs. Mankell
Henning Mankell. Der Chronist der Winde. Wien: Zsolnay, 2000. Gebunden, 268 Seiten. Verena Reichel, Übs.Mankell
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.3.2003